1914/2014 - Presseschau September: „Mißglückte russische Angriffe“

Wien (APA) - Ein Blick in die Presse vom September 1914 lässt 100 Jahre später die Frage aufkommen, wie Österreich-Ungarn und das mit ihm ve...

Wien (APA) - Ein Blick in die Presse vom September 1914 lässt 100 Jahre später die Frage aufkommen, wie Österreich-Ungarn und das mit ihm verbündete Deutschland den Ersten Weltkrieg verlieren konnten? Immerhin schien die K.u.k.-Armee von Sieg zu Sieg zu eilen, oder zumindest stand sie immer knapp davor. Der Feind hingegen machte alles falsch. Nur allmählich regte sich bei der Bevölkerung erste Unzufriedenheit.

Am 1. September war die Welt aber noch in Ordnung: „60.000 Russen gefangen“, vermeldete der „Tiroler Anzeiger“. „Die Neue Zeitung“ sekundierte tapfer und rapportierte „Die bevorstehende Kapitulation der russischen Armee in Ostpreußen.“ „Deutschlands Siege“, titelte auch die „Grazer Mittags-Zeitung“ und untermauerte ihre These mit einer ausgewählten Expertise: „Günstiges Urteil eines Offiziers über die Lage bei Lemberg. Die serbische Timok-Division vor dem Fall.“

Daran änderte sich zum Monatsende wenig. „Mißglückte russische Angriffe auf Karpathenpässe“, frohlockte die „Marburger Zeitung“ und auch das „Wiener Montags-Journal“, im Untertitel explizit als „unparteiische Zeitung“ ausgewiesen, wusste: „Das deutsche Zentrum rückt vor!“

Die wöchentlich erscheinenden Illustrierte „Wiener Bilder“ stand den Tageszeitungen in Sachen Hurra-Patriotismus um nichts nach. „Unsere Honvedhusaren, die „Roten Teufel“, der Schrecken der Russen“, wurde unter einer Schlachtszene gejubelt: „Eine kleine Abteilung Honvedhusaren reitet in scharfer Attacke einen weit überlegenen, mit zwei Geschützen und Maschinengewehren ausgerüsteten Feind nieder.“

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Ein paar Nummern später wurde dann auch das Edle im österreichischen Kämpfer ins Licht gerückt. Das Titelbild vom 20. September trug die Unterschrift: „Russische Kriegsgefangene vom Inf.=Reg.Nr. 70 beteilen nach der Schlacht bei Krasnik aus Dankbarkeit für die gute Aufnahme unsere Soldaten mit ihren Achselspangen und Mützen.“

Und selbst wenn hin und wieder eingeräumt werden muss, dass auch der tapfere k.u.k.-Soldat nicht unverwundbar war, so wurde er rasch getröstet. Durch einen Besuch von Kaiser Franz Joseph im Lazarett im Augartenpalais, wie fast alle Zeitungen am 22. September zu berichten wussten.

All dies lässt vermuten, dass das bei Kriegsbeginn am 28. Juli 1914 installierte „kaiserlich und königliche Kriegspressequartier (KPQ)“ bereits ganz Arbeit leistete. Das KPQ koordinierte alle Presseinformationen und Propagandatätigkeiten Österreich-Ungarns.

Insgesamt waren im Verlauf des Krieges auch um die 550 Künstler, Kriegsmaler und Journalisten als Mitglieder des KPQ im Einsatz, darunter Größen wie Egon Erwin Kisch, Robert Musil, Leo Perutz, Alice Schalek, Hugo von Hofmannsthal, Roda Roda, Franz Werfel, Stefan Zweig als Schreiberlinge oder Albin Egger-Lienz, Anton Kolig und Oskar Kokoschka unter den Pinselschwingern.

Unter diesen Umständen machte sich nur etwas zögerlich das erste Ungemach publizistisch bemerkbar. Am Monatsende (29. September) geißelte der „Arbeiterwille“, das „Organ des arbeitenden Volkes für Steiermark und Kärnten“ an prominenter Stelle auf Seite eins die „Preistreiberei in Brot“.

Konkret hieß es: „Die Preise des Getreides und des Mehles sind trotz aller Erlässe gestiegen und sind im Steigen begriffen. Kleinhändler und Bäckermeister beschuldigen den Großhandel, der Großhandel die Agrarier und die Agrarier beschuldigen wieder den Kleinhandel und die Bäckermeister. Recht haben alle drei - jedenfalls leidet die Bevölkerung bereits fühlbar an der Verteuerung des Brotes, das sich den Augen in der Verkleinerung des Formats offenbart.“

Dass der Krieg sich schon im Alltag manifestierte, war auch dem „Illustrierten Sportblatt“ (ISB) zu entnehmen. Seitenweise wurde angeführt, welche Fußball- oder Hockeyspieler bereits „eingerückt“ waren. Mancher bekam sogar gute Haltungsnoten verliehen: „Vom Lustig (W.A.C.) verlautet, daß er im Kriege besondere Tapferkeit bewies.“

Noch nicht an der Front war offenbar Richard Kuthan von Rapid. Das „ISB“ widmete dem „schönen Rigo“, wie ihm die zeitgenössische Sportszene huldigte, das Titelblatt vom 18. September 1914, weil er „am vorigen Sonntag in glänzender Form war und im Match gegen Simmering mehrere Tore schoß“.

Indes bemühte sich das „ISB“, eine (propagandistische) Klammer zwischen dem Kriegs- und dem Sportgeschehen zu ziehen. „An unserer Leser“, wurde appelliert: „Das Interesse für die im Felde stehenden Sportsleute ist sehr groß und die Veröffentlichung von Mitteilungen über dieselben wird gewiß manchem treuen Anhänger Freude bereiten. Wir bitte daher unsere geehrten Verbands- und Vereinsleitungen uns Mitteilungen über die Ergebnisse dieser Wackeren auf dem Schlachtfelde zum Abdrucke zu überlassen. Auch photographische Aufnahmen aller im Felde stehenden Sportsleute - wenn möglich in Uniform - sind uns sehr erwünscht.“


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