Karstadt - Tiroler Benko übernimmt Warenhauskette von Berggruen

Wien/Essen/Düsseldorf (APA/dpa) - „Endlich ist es so weit, jetzt kaufen die Tiroler die Deutschen auf“, fand sich als Posting am Freitag unt...

Wien/Essen/Düsseldorf (APA/dpa) - „Endlich ist es so weit, jetzt kaufen die Tiroler die Deutschen auf“, fand sich als Posting am Freitag unter zahlreichen Kommentaren bei Online-Artikeln heimischer Zeitungen zur brandaktuellen Übernahme der deutschen Warenhauskette Karstadt durch den Tiroler Immobilieninvestor Rene Benko respektive seiner Signa. Indes sorgten sich aber die Mitarbeiter im Nachbarland - was hat der Österreicher vor?

Denn Benko ist Immobilien-Tycoon, bisher nicht Mann des Handels. Bei Karstadt arbeiten insgesamt 17.000 Leute. Sogar die deutsche Regierung schaltete sich wohl deswegen mit ein. Die Lage bei Karstadt werde „sensibel, aufmerksam und durchaus auch mit Besorgnis verfolgt“, betonte der Sprecher der deutschen Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD). „Unser Appell an den neuen Investor kann im Moment nur sein, die Arbeitnehmerseite intensiv zu beteiligen.“

Der einst als Karstadt-Retter gefeierte Nicolas Berggruen wirft also das Handtuch und reicht die angeschlagene Kette an Benko weiter. Schon Anfang kommender Woche soll der 37 Jahre alte Tiroler Sohn eines Beamten, der die Schule als 17-Jähriger schmiss, die Kontrolle über die 83 Filialen übernehmen, wie Benkos Signa-Holding und die Berggruen Holdings am Freitag mitteilten.

Auch die verbliebenen Anteile an den Karstadt-Premium-Kaufhäusern und Karstadt Sports gehen an Signa. Der Kaufpreis beträgt laut Berggruen Holdings einen Euro, nicht einmal das wollte die Signa auf Nachfrage bestätigen - es hieß nur „es fließt kein weiterer Kaufpreis“.

Der neue Eigentümer, Benkos Signa, hat nach Darstellung der Berggruen Holdings bisher bereits rund 200 Millionen Euro in Karstadt investiert und damit ein klares Bekenntnis zur Zukunft des Unternehmens abgelegt. Der Geschäftsführer der Signa Retail GmbH, Wolfram Keil, sagte, angesichts des bisherigen Engagements sei die komplette Übernahme der Karstadt Warenhaus GmbH in der aktuellen Lage die „logische Konsequenz“. Das deutsche Bundeskartellamt muss dem Deal noch zustimmen.

Wichtigstes Ziel sei es jetzt, dass im Warenhauskonzern Ruhe einkehre und die nächsten Schritte einer tragfähigen Sanierungsstrategie zügig beraten, verabschiedet und umgesetzt würden. Karstadt müsse „raus aus den Medien und der zermürbenden öffentlichen Diskussion“, erklärte Keil.

Arbeitnehmervertreter hoffen, den neuen Eigentümer von ihren Sanierungsplänen zu überzeugen. Der bisherige Eigner Berggruen habe die Beschäftigten „bitter getäuscht“. Der Gesamtbetriebsrat hofft, dass der neue Eigentümer die Arbeitnehmervertreter in die Sanierung einbindet. Der Betriebsrat habe Vorschläge für die künftige Strategie des Konzerns, sagte Gesamtbetriebsratschef Hellmut Patzelt dem Fachmagazin „TextilWirtschaft“.

Berggruen war lange kritisiert worden, zu wenig Geld in eine Neuausrichtung von Karstadt zu investieren. Der Deutsch-Amerikaner, der Karstadt 2010 ebenfalls für den symbolischen Preis von einem Euro aus der Insolvenz übernommen hatte, will sich komplett aus dem Unternehmen zurückziehen. Der Finanzinvestor betonte, trotz aller Bemühungen sei es ihm nicht gelungen, Karstadt nach der Übernahme aus den roten Zahlen zu führen. „Wir machen daher den Weg frei für einen Neuanfang mit einem neuen Eigentümer“, wurde Berggruen in einer Mitteilung zitiert.

Arbeitnehmervertreter hielten Berggruen zum Abschied in deutlichen Worten Versäumnisse vor. „Nicolas Berggruen und seine Beauftragten sind an einer Rettung von Karstadt in den letzten Jahren willentlich gescheitert“, sagte ver.di-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger in einer Mitteilung. Statt in Karstadt zu investieren, habe Herr Berggruen mehr als 2.000 Arbeitsplätze vernichtet und Kapital aus dem Unternehmen gezogen. „Die Beschäftigten sind von diesem angeblich sozialen Investor Berggruen bitter getäuscht worden“, sagte Nutzenberger.

Benko hatte sich bereits im vergangenen Jahr die Mehrheit an den lukrativsten Unternehmensteilen - den Sporthäusern und den Premium-Filialen wie dem KaDeWe - gesichert. Im Zuge der Übernahme gebe Berggruen auch seine verbliebenen Minderheitsbeteiligungen an diesen Sparten ab, hieß es in der Mitteilung, ebenso seine Beteiligungen an einzelnen Karstadt-Immobilien.

Karstadt steckt seit langem in einer Krise. Die neue Chefin Eva-Lotta Sjöstedt, die als große Hoffnungsträgerin galt, hatte Anfang Juli nach weniger als fünf Monaten ihre Platz geräumt. Sie sehe keine Basis mehr für den von ihr angestrebten Sanierungsprozess, hatte die Schwedin erklärt.

In der kommenden Woche wollte der Karstadt-Aufsichtsrat ursprünglich über einen neuen Sanierungsplan beraten, der nach den Worten der Konzernführung „keine Tabus“ mehr kennen sollte.

Die Übernahme von Karstadt durch Benko befeuerte umgehend auch wieder Gerüchte rund um eine Zusammenführung der deutschen Metro-Tochter Kaufhof mit Karstadt. Benko hatte sich schon einmal erfolglos um die Übernahme von Kaufhof bemüht.

Zuletzt bekam Benkos Image Kratzer: Ein Urteil in einem Korruptionsverfahren wurde vom Obersten Gerichtshof erst Anfang der Woche bestätigt. Benko und sein Steuerberater wurden damit rechtskräftig zu einer einjährigen Haftstrafe bedingt auf eine Probezeit von drei Jahren verurteilt. Benko gilt damit als vorbestraft. Es ging um den Versuch einer verbotenen Intervention in einem Steuerverfahren in Italien.

~ ISIN DE0007257537 WEB http://www.signa.at

http://www.karstadt.de

http://www.metrogroup.de ~ APA221 2014-08-15/14:47


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