Irak-Kämpfe - Iraker und Kurden brauchen Militärhilfe

Bagdad (APA/dpa) - Sie feuern mit schwerer Artillerie und Raketen. Sie rücken mit gepanzerten Fahrzeugen vor. Und sie kennen mit ihren Gegne...

Bagdad (APA/dpa) - Sie feuern mit schwerer Artillerie und Raketen. Sie rücken mit gepanzerten Fahrzeugen vor. Und sie kennen mit ihren Gegnern kein Erbarmen. Wo die Kämpfer der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) auftauchen, geht es oft sehr schnell. In Windeseile nahmen die Extremisten Anfang Juni die nordirakische Millionenstadt Mossul ein.

Statt zu kämpfen, ergriffen die Soldaten der Regierung in Bagdad die Flucht. Vor zwei Wochen leisteten die kurdischen Peschmerga den Dschihadisten knapp zwei Tage Widerstand - und mussten sich schließlich zurückziehen. Stattdessen hissten die IS-Kämpfer in weiteren nordirakischen Orten ihre schwarze Flagge.

Alle angekündigten Gegenoffensiven der Iraker und Kurden entpuppten sich danach als Wunschdenken oder Propaganda. Bisher ist es den Gegnern der Dschihadisten bis auf wenige Ausnahmen nicht gelungen, einmal verlorene Gebiete zurückzuerobern. Die irakische Armee und die kurdischen Peschmerga erwiesen sich fast immer als zu schwach, um den Extremisten die Stirn zu bieten.

Die Kurden gelten zwar als diszipliniert, gut organisiert und hoch motiviert. Doch die etwa 25.000 Peschmerga kämpfen hauptsächlich mit leichten und ziemlich alten Waffen. Die Ausstattung der Kurden stammt meist noch aus den Beständen der früheren Armee des 2003 gestürzten Langzeitherrschers Saddam Hussein. Dazu zählen russische Sturmgewehre des Modells AK-47 sowie Maschinengewehre. Waffen gegen gepanzerte Fahrzeuge besäßen die Kurden dagegen kaum, sagt der Militärexperte James Dubik vom Institute for the Study of War (ISW) in Washington.

Als die IS-Extremisten vor zwei Wochen ihre neue Offensive im Nordirak starteten, feuerten sie mit Artillerie auf die Kurden, die dem nichts entgegenzusetzen hatten. Zudem rückten die Dschihadisten mit gepanzerten Humvees an, Geländefahrzeugen, die die USA der irakischen Armee vor einigen Jahren geliefert hatten. Bagdads Soldaten ließen sie bei ihrer Flucht einfach zurück. Militärexperte Dubik schätzt, dass die IS-Kämpfer mehrere Hundert Humvees besitzen.

Die Kurden kämpften nicht einfach gegen eine Miliz, sondern praktisch gegen einen Staat, sagt ein Verantwortlicher der Peschmerga in Erbil. „Die Bewaffneten haben alle Kasernen und Munitionslager der irakischen Armee in der Stadt Mossul übernommen.“ Die militärischen Erfolge bescheren der Terrorgruppe zudem einen Zulauf von neuen Kämpfern. Vor allem Jüngere sollen sich ihnen anschließen.

Selbst wenn die Kurden nun Waffen aus dem Ausland bekommen, dürften sie die Dschihadisten kaum zurückdrängen können. „Wenn sie ausgerüstet werden, können die Kurden ihr eigenes Gebiet verteidigen“, sagt Dubik. „Aber sie haben nicht die zahlenmäßige Stärke und die militärische Fähigkeit, um eine größere Gegenoffensive zu starten.“

Diese Aufgabe müsste die irakische Armee übernehmen. Sie verfügt laut Dubik über kampfstarke spezielle Anti-Terror-Einheiten mit mehreren Tausend Mann. Noch-Ministerpräsident Nuri al-Maliki, bisher oberster Armee-Befehlshaber, setzte sie allerdings bisher nicht im Norden des Iraks ein, wo die Terrorgruppe ihre Basis hat. Die Einheiten müssten verlegt werden, sagt Dubik, der als US-General einst irakische Truppen ausbildete.

Damit allein wird es jedoch nicht getan sein. Bagdads Armee fehle im Kampf gegen die Extremisten eine Militärdoktrin, eine wirkliche Strategie, sagte der irakische Militärfachmann Adnan Naaman der irakischen Nachrichtenseite Shafaaq News. Sein US-Kollege Dubik sieht es ähnlich. Die militärische Kampagne der Armee habe keine klare Struktur, sagt er. „Wir haben ihnen das nicht beigebracht.“ Dringend notwendig seien deshalb Militärberater aus dem Ausland.

So wird die irakische Armee ohne stärkere internationale Hilfe nicht in der Lage sein, die IS-Kämpfer zurückzudrängen. Als besonders schwach erwies sich in den vergangenen Wochen die irakische Luftwaffe, auch wenn sie zuletzt gebrauchte Jets aus Russland bekam. Sie fliegt zwar immer wieder Angriffe, konnte die IS-Kämpfer bisher jedoch kaum schwächen. Für Militärexperte Dubik ist klar: Die Luftunterstützung muss von der internationalen Gemeinschaft kommen.

Mit dem Rückzug Al-Malikis vom Amt des Regierungschefs ist immerhin eine Hürde für mehr Unterstützung aus dem Ausland beseitigt. Sein Machthunger galt bisher als größtes Hindernis für mehr militärische Hilfe des Westens. Al-Malikis designierter Nachfolger Haidar al-Abadi dagegen genießt dort erst einmal einen Vertrauensvorschuss.


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