Irak-Kämpfe - Schicksal: Yezidischer Vater fürchtet um seine Kinder

Erbil/Bagdad (APA/AFP) - Juno Khalaf hat es in die relative Sicherheit des Nordostens Syriens geschafft, doch der Gedanke an seine beiden au...

Erbil/Bagdad (APA/AFP) - Juno Khalaf hat es in die relative Sicherheit des Nordostens Syriens geschafft, doch der Gedanke an seine beiden auf der Flucht vor den Jihadisten verlorenen Kinder lässt ihn nicht los. Wie tausende anderer Angehörige der religiösen Minderheit der Yeziden ergriff Khalaf mit seiner Frau und den neun Kindern vor den Kämpfern des Islamischen Staats (IS) die Flucht.

Vor zwei Wochen nahmen die islamistischen Extremisten die Stadt Sinjar und die umliegenden Dörfer ein. „Sie schossen auf uns, während wir fortrannten. Es herrschte völliges Chaos. Auf dem Weg verloren wir meine kleine Alifa und meinen Sohn Imad“, erzählt Khalaf. Der Schmerz überwältigt den yezidischen Familienvater so sehr, dass er nach Luft ringt. „Ich weiß nicht, wo sie sind. Ich weiß nicht, ob wir sie jemals wiederfinden werden.“

Hals über Kopf flohen sie ins nahegelegene Gebirge. Ohne Wasser oder Essen waren sie in den kargen Schluchten schutzlos der brennenden Sonne ausgeliefert. „Wir mussten die Sinjar-Berge hinauf rennen, mit nichts als den Kleidern, die wir trugen“, sagt Khalaf. „Es waren viele Menschen, die mit uns rannten.“

Nach einigen Tagen machten sich Khalaf und seine Familie auf den Weg entlang des Höhenzugs in Richtung Syrien. Kurdische Peschmerga-Kämpfer geleiteten sie schließlich aus den Bergen über die Grenze. Während ein Großteil der Flüchtlinge weiter nördlich in den Irak zurückkehrte, blieben die Khalafs im Flüchtlingslager Newroz in der Provinz Hassaka. Das Lager wird von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) kontrolliert, eine Handvoll Hilfsorganisationen bemüht sich um die Versorgung der Flüchtlinge.

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„Die YPG haben auf der syrischen Seite der Grenze eine Front gegen die IS-Milizen eröffnet“, sagt Hadija Youssef, die die selbst erklärte Autonome Kurdische Regierung in der Provinz Hassaka leitet. Demnach verloren die Milizen acht Kämpfer, bevor sie einen Fluchtweg für die Yeziden öffnen konnten. „Alle Einwohner der umliegenden Dörfer helfen, alle in Sicherheit zu bringen, die den Abstieg aus den Bergen geschafft haben“, versichert Youssef. Dank der Hilfe der Kurden konnten laut der US-Regierung inzwischen die meisten Yeziden das Gebirge verlassen.

Doch die Flüchtlinge im Newroz-Lager lässt die Erinnerung an ihre Vertreibung keine Ruhe. „Vor kaum zwei Wochen lebten wir in Frieden“, sagt Juno Khalaf. Nicht nur verloren sie zwei ihrer Kinder, sondern seine Frau Khonaf musste auf der Flucht auch ihre blinde Mutter zurücklassen. „Sie hätte die Reise nicht geschafft“, sagt Khonaf, während sie ihr schreiendes Baby auf dem Arm wiegt. Auch ihre vierjährige Tochter ist traumatisiert. „Ich habe Angst, ich weiß nicht, wo mein Bruder und meine Schwester sind. Ich will nach Hause,“ sagt die kleine Rania.

Mit einer raschen Rückkehr rechnet indes niemand. Die Dschihadisten haben sich in weiten Teilen des Iraks und Syriens festgesetzt. Sie betrachten die Yeziden, deren Glaube von der altpersischen Religion des Zoroastrismus beeinflusst ist, als „Teufelsanbeter“. Auch Christen, Schiiten und moderate Sunniten, die ihre eigene engstirnige Auslegung des Islam nicht teilen, sind von Tod und Vertreibung bedroht. Für Khalaf wird seine Flucht immer ein Einschnitt bleiben: „Wir mögen hier in Sicherheit sein, doch meine Seele habe ich auf der Flucht verloren.“


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