Frequency - Helge Schneider: „Erwachsene sind doof“

St. Pölten (APA) - „Man will nicht erwachsen werden. Erwachsene sind doof!“ Eine klare Ansage von Helge Schneider, der am Samstag beim Frequ...

St. Pölten (APA) - „Man will nicht erwachsen werden. Erwachsene sind doof!“ Eine klare Ansage von Helge Schneider, der am Samstag beim Frequency Festival in St. Pölten gastierte. Das deutsche Multitalent brachte kürzlich den Konzertmitschnitt „Live At The Grugahalle - 20 Jahre Katzeklo (Evolution!)“ (Universal) heraus. Im Gespräch mit der APA plauderte Schneider über seine Anfangstage und kündigte eine Auszeit an.

APA: Herr Schneider, war das „Katzeklo“-Jubiläum der Grund, diese LP zu veröffentlichen?

Helge Schneider: „Nicht nur. Ich habe eine ganz tolle Band zusammen. Da dachte ich, wir könnten ja wieder eine Platte machen. Die Band ist ganz geknickt, dass ich jetzt mal meine letzte Tournee mache und dann für einige Zeit aufhöre. Im nächsten Jahr werde ich 60, ich bin mit Sicherheit 35 Jahre oder noch länger auf Tournee, jedes Jahr. Da muss ich jetzt eine Pause machen. Da sind die Bandmusiker natürlich traurig. Wir verstehen uns alle gut, wir wohnen alle um die Ecke, wir sind eine richtige Band. Das hatte ich lange nicht. Oder noch nie. Deshalb haben wir die Platte gemacht.“

APA: Eine Reaktion auf „Katzeklo“ war die Frage, ob ein Humorist auch Musiker sein darf. Sie waren Wegbereiter, mittlerweile fragt sich das niemand mehr. Und Sie treten sogar auf Pop- und Rock-Festivals auf.

Helge Schneider: „Der andere Effekt: Wir könnten auch in der Philharmonie spielen. Oder im Gesangshaus in Leipzig. Als ich da vor 20 Jahren angerufen und den Chef gesprochen habe, meinte der, ich sei verrückt. Aber das geht. Das ist das, was ich eben propagiere: Kultur - ist doch scheißegal, was es ist, Hauptsache, man hat was zu sagen.“

APA: Sie sind auch bei Heavy-Metal-Festivals aufgetreten. Ist dieses Publikum anders?

Helge Schneider: „Nein. Vielleicht ziehen die sich anders an, aber sonst... nein.“

APA: Spürt man da wirklich keinen Unterschied, vor wem man auftritt?

Helge Schneider: „Also hier spürt man das schon: Du kommst auf die Bühne und riechst, wie die alle kiffen! Ich hoffe, dass die da noch mal lüften. Das mag ich nämlich nicht so, die Zeit ist für mich vorbei, da wird mir schlecht.“

APA: Sie sind ja ein guter Musiker, was viele zunächst nicht mitbekommen haben, weil Sie nur als Humorist wahrgenommen wurden. Mussten Sie Überzeugungsarbeit leisten?

Helge Schneider: „Na ja, ich habe den Leuten ja dann gezeigt, dass man beides machen kann. Meine Tradition ist der Musikal-Clown. Ich habe das trickreich anders gemacht, ich habe ja keine Pappnase oder Manege. Ich bin aufgetreten, habe irgendwelchen Mist erzählt, den ich mir aus den Fingern sauge, was ich heute meinen Kindern als Gute-Nacht-Geschichte erzähle, habe ich denen auf der Bühne erzählt. Und dabei Musik gemacht. Ich versuche den Leuten zu zeigen, wie schön Musik ist. Manchmal habe ich Grenzen ausgelotet, das mache ich noch heute. Man spielt mit Hörgewohnheiten. Ich habe wahrscheinlich die Gabe, mit Musik zum Lachen zu bringen, also nur mit Tönen. Und mit Bewegung. Das gehört alles zusammen. Aus dem Grund bin ich manchmal auch Schauspieler geworden, weil ich gemeint habe, ich musste dann auch mal so was machen. Aber mein Hauptberuf ist auf der Bühne.“

APA: Ihre Filme sind legendär, das muss man schon sagen...

Helge Schneider: „Ja, weil sie einzigartig sind. Aber ich bin nicht so gut.“

APA: Sie haben in den deutschsprachigen Humor die Anarchie reingebracht. Das war doch gewagt damals, oder?

Helge Schneider: „Das konnte ich nur machen, weil ich aus dem Ruhrgebiet komme. Da wurde früher Kohle abgebaut, da sind Bergwerke, Leute, die mit Stahl gearbeitet haben. Das war eine Gegend, auf die geringschätzig geschaut wurde, weil wenn du die Wäsche aufgehängt hast, wurde die schwarz nach einer Viertelstunde, weil überall Ruß und Kohlestaub in der Luft war. Wenn du aus dem Kohlenpott kamst, haben dich die Leute doof angekuckt. Und dadurch haben diese Leute im Ruhrgebiet einen besonderen Zusammenhalt. Wenn du dort in ein Geschäft gehst, denkst du zuerst, die Leute dort sind ein bisschen trocken - aber herzlich! Ich habe einigen Leuten einfach nur aufs Maul geschaut, sie übertrieben nachgemacht auf der Bühne. Das ist dann lustig. Aber ich habe mich nicht lustig gemacht. Das ist die Hauptsache: Dass ich mich selber als Projektionsfläche da hinstelle und der bin, dessen Sprache ich gerade spreche. Ich habe mir da keine Gedanken gemacht, ob die Grammatik stimmt. Ich habe früh angefangen, Grenzen umzuhauen, alles infrage zu stellen. Das gehört dazu.“

APA: Gab es Vorbilder für diese Art mit Sprache zu arbeiten?

Helge Schneider: „Nein, die Vorbilder sind einzig und allein die Menschen dort aus der Gegend.“

APA: Und bei der Musik?

Helge Schneider: „Alles Mögliche. Louis Armstrong, Jimi Hendrix, Elvis Presley, Ludwig van Beethoven, Friedrich Gulda als Mozartspieler, Alfred Prendl, Britney Spears - es gibt alles. Peter Alexander. Ein großer Entertainer, ein großer Sänger, ein toller Typ. Das sind die Leute, die mich geprägt haben. Die haben verhindert, dass ich kein Jazz-Purist geworden bin. Denn diese Gefahr bestand durchaus. Ich hab mit meinem Saxofon eigentlich ganz gute Erfolge gehabt, auch als Jazz-Pianist. Mit 19 durfte ich mit meinem damaligen Trio schon mal eine Schallplatte machen. Aber die Jazz-Welt war mir zu wenig, ich wollte ja Clown sein. Ich habe den Bogen da hin gekriegt, deshalb bin ich jetzt sehr glücklich.“

(Das Gespräch führte Wolfgang Hauptmann/APA)


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