Kampf um Schulabgänger eröffnet

Sinkende Zahl der Pflichtschulabgänger stellt Wirtschaft vor Probleme. Die Wirtschaftskammer Schwaz ortet vermehrten Konkurrenzkampf mit höheren Schulen und negative Einstellung der Eltern zum Lehrberuf.

Von Angela Dähling

Schwaz –Die Wirtschaftskammer (WK) Schwaz schlägt mit Blick auf die sinkende Anzahl der Pflichtschulabgänger Alarm. „Von 2008 bis 2015 geht die Zahl der Pflichtschulabgänger im Bezirk Schwaz um 27 Prozent zurück, von 946 auf zirka 693 Schüler“, informiert der Obmann der WK Schwaz Franz Hörl. Während die Zahl der unbesetzten Lehrstellen steige, würde die Zahl der Facharbeiter sinken. Im Jul­i 2014 standen in Schwaz 39 Lehrstellensuchende 117 offenen Lehrstellen gegenüber. Zwischen 2010 und 2013 sank die Zahl der Lehrlinge hier von 1766 auf 1563.

Doch nicht nur aufgrund der demographischen Entwicklung werde die Zahl der dringend benötigten Facharbeiter weiter sinken, ist auch der Schwazer WK-Geschäftsführer Stefan Bletzacher überzeugt. Auch die weiterführenden Schulen, die kräftig um die stetig sinkende Zahl der Schüler buhlen, seien inzwische­n eine Konkurrenz für die Lehrbetriebe geworden. „Da gibt es schon einen Konkurrenzkampf. Denn fehlend­e Schüler bedeuten weniger Klassen, wodurch weniger Lehrer gebraucht würden. Und das soll verhindert werden“, ist auch Hörl überzeugt.

54 Prozent der Pflichtschulabgänger würden im Bezirk Schwaz eine Lehre beginnen, 46 Prozent eine höhere Schul­e besuchen. „Leider ist vor allem in den Köpfen der Eltern der Gedanke vorherrschend, dass man ohne Matura und Studiu­m im Leben nichts erreichen kann. Das ist unverständlich und unvernünftig, da so auch Jugendliche mit handwerklichen Interessen mit aller Kraft und oft zu einem hohen Preis Richtung höherer Schule geschoben werden“, kritisieren Hörl und Bletzacher unison­o. Ein­e akademische Ausbildung sei aber kein Garant für ein glückliches, finanziell besser gestelltes Leben. „Mitunter ist das Gegenteil der Fall. Wenn Kinder in die HAK gesteckt werden und sich dann mit mehreren Fünfern bewerben müssen, geht der Ehrgeiz der Eltern in die falsche Richtung“, meint Bletzacher.

Die WK Schwaz organisiert gemeinsam mit den Pflichtschulen und Betrieben jährlich Berufsschnupper­veranstaltungen. Dazu zählen u. a. das „Berufsfestival“, bei dem sich Betriebe den 3. Klassen präsentieren, und die „Rookie-Tage“, wo alle Schüler der 4. Klassen der Neuen Mittelschule zwei Tage in einem Betrieb in die Arbeitswelt schnuppern – sie starten wieder ab Mitte September.

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„Dabei gab es wenn, dann mit den Eltern Probleme, die nicht einsehen, warum ihre Kinder da mitmachen müssen. Denn für manche Eltern steht bereits fest, dass ihr Kind Primar wird“, berichtet Bletzache­r. Es handle sich aber um eine Schulveranstaltung mit Teilnahmeverpflichtung.

„Wir möchten den Eltern auch die Angst nehmen, dass ihr Kind mit einer Fachausbildung den ersten Fehler seines Karrierewegs macht. Es gibt auch die Lehre mit Matur­a, und auch mit 18, 19 ist es nicht zu spät für eine andere Art der Weiterbildung“, betont Hörl. Ein Ziel der WK sei es zudem, mit dem Meister­titel Zugang zur Uni zu bekommen.

Einer, der über die Rookie-Tage zum Lehrberuf kam, ist Philip Bernhard. Er befindet sich im zweiten Lehrjahr im Hotel Bruno in Fügen. Bei den Schnuppertagen wurde ihm klar, dass er nicht wie sein Vater Installateur werden wollt­e, sondern eine Kochlehr­e ihn viel mehr interessierte. Er ist der einzige von sechs „Rookie­s“, den Lehrherr Dietmar Riedl innerhalb von drei Jahren betreute, der bei ihm die Lehre begann. „Es wird immer schwieriger, Lehrlinge zu bekommen. Früher nahm ich auch welche aus Ostösterreich. Jetzt nur noch aus der Umgebung, wegen des Kontakts zu den Eltern“, merkt Riedl an und schildert, dass die Jugend von heute mehr Freizeitstress hätte. Immer mehr Schülern fehle die Ausdauer, sie würden frühzeitig alles hinschmeißen, weil sie verwöhnt wurden, ergänzt Bletzacher mit Verweis auf Studien.

Für Lehrling Philip Bernhard sind Arbeitszeiten am Wochenende kein Problem. „Ich hab’ ja jedes zweit­e Wochen­ende frei“, sagt er. Und sein Chef hat ihm die Vorteile des Kochberufs schon bei den Rookie-Tagen schmackhaft gemacht. Riedl: „Ein sicherer Arbeitsplatz, man verdient recht gut und kann rasch ins Ausland.“


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