IS tötet 700 Stammesmitglieder in Syrien, Kämpfe im Irak

Extremisten der Terrormiliz IS haben in Syrien nach Angaben einer oppositionsnahen Gruppe in den vergangenen zwei Wochen rund 700 Mitglieder eines Stammes getötet.

Ein IS-Anhänger mit der Flagge der extremistischen Gruppe.
© Reuters

Kairo - Mit Unterstützung der US-Luftwaffe haben die kurdischen Milizen im Nordirak zum Gegenschlag ausgeholt, um den größten Staudamm des Landes von den Jihadisten zurückzuerobern. Die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) geht indes weiter mit aller Gewalt gegen Minderheiten vor. Großbritannien erachtet die von ihr ausgehende Gefahr auch als bedrohlich für Europa.

Die Luftangriffe richteten sich erneut gegen IS-Kämpfer nahe der Hauptstadt des kurdischen Autonomiegebiets, Erbil. Mehr als zehn gepanzerte Truppentransporter, Schützenpanzer und Geländewagen seien zerstört oder beschädigt worden. Kampfjets und Kampfdrohnen seien an den Angriffen beteiligt gewesen, teilte das US-Militär mit.

Der östliche Teil des Staudamms am Tigris-Fluss sei am Samstag bereits eingenommen worden, sagte der kurdische Generalleutnant Abdulrahman Korini der Nachrichtenagentur AFP. Bei den Kämpfen um den Staudamm nahe Mossul seien mehrere Jihadisten getötet worden. Die Samstagfrüh gestartete Bodenoffensive der Peshmerga-Milizen erfolge mit Hilfe der US-Luftwaffe. Die US-Armee sprach von allein neun Luftangriffen am Samstag. Nach Angaben des US-Militärkommandos Centcom zerstörten US-Kampfjets und Drohnen mehrere gepanzerte Truppentransporter, mit Waffen beladene Fahrzeuge und Geländewagen.

IS tötete 700 Menschen in Syrien

Die Jihadisten hatten den Staudamm am 7. August erobert und damit die Kontrolle über die Wasser- und Stromversorgung weiter Landesteile erlangt. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Nordirak wegen des fehlenden Widerstands der irakischen Armee von den IS-Kämpfern förmlich überrannt. Die Extremisten gehen mit äußerster Brutalität gegen die Zivilbevölkerung vor, insbesondere gegen Angehörige religiöser Minderheiten wie der Yeziden (Jesiden).

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In Syrien soll die IS innerhalb von zwei Wochen mehr als 700 Angehörige eines Stammes getötet haben. Wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte erklärte, hatte der im Osten Syriens siedelnde Stamm der Shaitat versucht, sich gegen die sunnitischen Jihadisten zu erheben. Unter den Toten sind den Angaben zufolge 100 bewaffnete Kämpfer. Bei den übrigen Todesopfern handelt es sich demnach um Zivilisten. Die Menschen seien in mehreren Dörfern der Provinz Deir ez-Zor (al-Zor) getötet worden, die größtenteils von IS-Jihadisten kontrolliert wird.

Im Nordirak sollen nahe des Dorfes Kotsho am Freitag dutzende Zivilisten, mehrheitlich Yeziden, hingerichtet worden sein. Einem Regierungsvertreter zufolge stürmte ein Konvoi mit bewaffneten Jihadisten das Dorf und richtete ein „Massaker“ mit rund 80 Toten an. Ein Kurdenvertreter sprach von mindestens 81 Toten, zudem hätten die Angreifer mehrere Frauen verschleppt.

Großbritannien sieht direkte Gefahr für Europa

Nach Angaben von Menschenrechtsgruppen und Augenzeugen sollen die Kämpfer die Menschen in der Region Ninive, wo auch das angegriffene Dorf liegt, vielfach aufgefordert haben, zu konvertieren oder zu fliehen. Viele von denen, die sich gegen beides weigerten, wurden demnach gewaltsam angegriffen. Am 3. August hatten die IS-Jihadisten die nordwestliche Stadt Sinjar gestürmt und zehntausende Menschen in die Flucht ins nahe Gebirge getrieben. Amnesty International zufolge entführten die IS-Kämpfer in dem Zeitraum auch tausende Yeziden.

Angesichts der zunehmenden Brutalität der Gruppe ortete der britische Premier David Cameron eine direkte Gefahr für sein Land. „Wenn wir den Vormarsch dieser außerordentlich gefährlichen Terrorbewegung nicht stoppen, wird sie nur stärker, bis sie uns auf den Straßen Großbritanniens angreifen kann“, schrieb Cameron in der Zeitung „The Sunday Telegraph“. Sicherheit vor den IS-Kämpfern könne es nur geben, wenn Großbritannien alle Möglichkeiten von „Hilfen, Diplomatie und militärischen Fähigkeiten“ einsetze. Zugleich schloss Cameron die Entsendung britischer Truppen in die IS-Gebiete im Irak aus.

Auch Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn sagte im rbb-Inforadio: „Der Islamische Staat wird sich nicht nur auf (den) Irak oder Teile von Syrien beschränken. Das kann ganz schnell überschwappen nach Europa.“ Ähnlich hatte sich am Mittwoch Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) geäußert. Die IS habe das Ziel, alle Minderheiten „auszulöschen“ und stelle mittlerweile auch für Europa eine Bedrohung dar, betonte Kurz.

Österreich befürwortet Waffenlieferungen

Die Europäische Union unterstützt nicht zuletzt deshalb Waffenlieferungen an die kurdischen Kämpfer. Die EU begrüße, dass einzelne Länder die Anfragen der kurdischen Sicherheitskräfte positiv beantworten, erklärte der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der sich am Samstag im Irak aufhielt. „Eine terroristische Mörderbande versucht, sich das Land Untertan zu machen“, sagte er bei seiner Ankunft in Bagdad.

Waffenlieferungen schloss Steinmeier im Gespräch mit den „Tagesthemen“ der ARD am Samstagabend nicht mehr gänzlich aus. Es gebe „keine risikofreien Entscheidungen“, sagte er. Deutschland müsse bei seiner Unterstützung „bis an die Grenze des rechtlich und politisch Möglichen gehen“. Langfristig müsse es aber eine politische Lösung für den Irak-Konflikt geben. Auch Vizekanzler Sigmar Gabriel signalisierte Bereitschaft, die Gegner der Islamisten aufzurüsten: „Wir können nicht zusehen, wie bis an die Zähne bewaffnete Fanatiker Tausende unschuldige Menschen umbringen und deren Verteidiger keine wirksamen Mittel zum Schutz haben“, zitierte ihn der „Spiegel“.

Österreich befürwortet zwar Waffenlieferungen, konzentriert sich selbst aber auch humanitäre Hilfe. (APA/AFP/dpa/Reuters)


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