Lauter letzte Stunden

Mit Walter Kappachers Bühnenmonolog „Der Abschied“ ging die letzte Premiere des Salzburger „Young Directors Project“ über die Bühne.

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Salzburg –Joseph Lacall­e hat die Ballade „Amapola“ 1924 komponiert. Da war Geor­g Trakl bereits zehn Jahre tot. Dass es also ausgerechnet „Amapola“ ist, das leise anklingt, als sich der lebensmüde Trakl besserer Zeiten erinnert, ist also ein Anachronismus. Aber ein wirkungsvoller. Langsam passt Trakl (Paul Herwig) sein Taumeln dem Takt der Schnulze an, fantasiert sich hinaus aus der Ausweglosigkeit der inneren und äußeren Schlachtfelder – und kommt so für Sekunden zur Ruhe. Dann bricht sich die Verzweiflung wieder Bahn. Trakl redet sich in Rag­e, bricht verzweifelt ab, sucht und findet Worte für sein Leid bei Shakespeares „Hamlet“, in den Versen des Barockdichters Johann Christian Günther und – nicht zuletzt – in seinen eigenen Gedichten. Trost aber findet er nicht. Dafür sitzt der Schock darüber, was er als heillos überforderter Sanitäter in der mörderischen Schlacht im ostgalizischen Grodek sah, zu tief. Und auch die Wunden, die das Leben noch vor Beginn des Ersten Weltkriegs in den empfindsamen Körper des Dichters schlug, brechen wieder auf: die gefühlskalte Mutter, der Tod des Vaters und – natürlich – Grete. Immer wieder Grete, die Schwester, mit der sich Georg Trakl bedenklich eng verbunden wähnte.

In Form eines Bühnen­monologs lässt Walter Kappache­r, der hier mit 75 sein Debüt als Dramatiker gibt, die letzten Stunden Georg Trakls im Krakauer Garnisonsspital Revue passieren. Im Rahmen des „Young Directors Project“ (YDP) der Salzburger Festspiele hatte „Der Abschied“ am vergangenen Freitag Premiere. Es dürfte die letzte VDP-Premiere überhaupt gewesen sein. Nach dem Rückzug des Hauptsponsors, Edelfüllfederhersteller Montblanc, wird die Reihe, die jugendlich-experimenteller Kontrapunkt zum staatstragenden Hauptprogramm der Festspiele sein sollte, eingestellt.

Experimentell war Nicolas Charaux’ Inszenierung von „Der Abschied“ nicht, sondern in handfeste und, wie gesagt, wirkungsvolle Bilder gefasstes Sprechtheater. Was wohl auch an der eher erzählenden als dramatischen Qualität von Kappachers Text liegt. Das Bühnenbild (Ausstattung: Pia Greven) dominierte ein enormer schwarzer Kubus, aus dem sich Trakl zunächst unter großer Anstrengung befreit – und der dann als Erregungs­requisite dient. Mit Fäusten und Beil bearbeitet Trakl sein Gefängnis. Und wie Paul Herwig, den Theater heute 2010 zum Schauspieler des Jahres kürte, diesen von Welt-Ekel, Untergangsvisionen und anrührend naiven Erinnerungsanfällen geplagten Dichter auf seinen letzten Schritten zur finalen Überdosis spielt, bleibt in Erinnerung: Er macht das, was Walter Kappacher ausgehend von wenigen Originaldokumenten penibel recherchierte, mit Mut zur großen Geste anschaulich. (jole)

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