„Diesen Fassbinder sollte man aufhängen“

Die Brecht-Verfilmung „Baal“ war mehr als 40 Jahre lang verboten. Beim Filmfestival Kitzbühel erlebt der Klassiker seine Österreich-Premiere.

Von Joachim Leitner

Innsbruck, Kitzbühel –Am Abend des 21. April 1970 saß Helene Weigel vor dem Fernseher – und ärgerte sich maßlos. „Dieser Fassbinder glaubt wohl, eine Lederjacke und eine Zigarette im Mundwinkel reichen, um Brecht zu sein“, soll sie gemault haben. Und überhaupt sei das, was da auf dem Bildschirm zu sehen war, „schauderhaft“ gewesen und nicht mit dem vereinbar, was ihr Mann, der 1956 verstorbene Dramatiker Bertolt Brecht, mit seinem Bühnenerstling „Baal“ im Sinne hatte. Weder ästhetisch noch politisch.

Tags darauf verbot Weigel jede weitere Austrahlungen des Films sowie die geplante Kinoauswertung – und machte diesen „Baal“ dadurch zur Legende. Zum ungesehenen Schlüsselwerk des Neuen Deutschen Films. Schließlich wurde er von Volker Schlöndorff inszeniert, der später mit der „Blechtrommel“ den Oscar gewinnen sollte. Und die Hauptrolle spielt kein Geringerer als Rainer Werner Fassbinder, damals Enfant terrible der Münchner Theaterszene und bereits getrieben von dieser maßlosen Schaffenswut, die ihn binnen 13 selbstzerstörerischer Jahre knapp 40 Filme drehen ließ. Außerdem gab es da noch Margarethe von Trotta, die die Sophie spielte, und Hanna Schygulla, Irm Hermann, Günther Kaufmann und Peer Raben. Die ganze Fassbinder-Clique also. Dazu kamen Dietrich Lohmann als Kameramann und Klaus Doldinger, der später mit dem „Boot“-Soundtrack Weltruhm erlangte und hier Blues-Moritate nach Brechttexten komponierte.

44 Jahre lang hielten sich die Brecht-Erben an Helene Weigels Verdikt. Erst anlässlich der Berlinale wurde der wohl bekannteste unbekannte Film der jüngeren deutschen Filmgeschichte im Februar diesen Jahres erneut aufgeführt.

Für Schlöndorff war sein „Baal“ Krisenbewältigung. Gerade 30 geworden, galt er 1969 als gefallenes Wunderkind. Nach dem Erfolg seines Erstlings „Der junge Törless“ und von „Mord und Totschlag“, der in Cannes gefeiert wurde, ging er mit dem ungleich teureren „Michael Kohlhaas“ baden. „Baal“ sollte ein Neuanfang sein: ungekünstelt und ungestüm. Direkt, wie ein Faustschlag. Kein Film, sondern eine auf grobkörnigem 16-mm-Material gedrehte „poetische Dokumentation“ fürs Fernsehen. Mit Fassbinder fand er seinen idealen Hauptdarsteller. Er spielt den vom jungen Brecht nicht zuletzt nach eigenem Vorbild entworfenen dichtenden Tunichtgut Baal mit der beiläufigen Grandezza eines lebenshungrig Totgeweihten.

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Helene Weigel war übrigens nicht die Einzige, die sich an Schlöndorffs ebenso texttreuer wie im Kontext der 1968er zu verortender Brecht-Adaption gestört hat. Die TV-Ausstrahlung in der ARD zur besten Sendezeit zog einen Sturm der Empörung nach sich. „Diesen Fassbinder sollte man aufhängen“, hieß es in einer von zahllosen Zuschriften. Ein anderer empörter Zuseher meinte, dass „Baal in kochendem Öl am besten aufgehoben wäre“. Der österreichische Rundfunk hatte damals trotzdem Interesse. Doch Weigels Verbot galt auch für den Vertrieb des Films im Ausland.

Am kommenden Donnerstag (17 Uhr) erlebt „Baal“ im Rahmen des 2. Filmfestivals Kitzbühel seine Österreich-Premiere. Filmproduzent und Schlöndorff-Intimus Eberhard Junkersdorf wird den Film präsentieren.

Eröffnet wird das Festival am Dienstag (18.30 Uhr) mit Thomas Wirthensohns Dokumentarfilm „Home Less“. Die Retrospektive des Festivals ist dem deutschen Schauspieler Mario Adorf gewidmet, der am Mittwoch ab 19.30 Uhr im Rasmushof aus seinem literarischen Werk lesen wird. Außerdem haben sich u. a. die Schauspieler Ben Becker, Heino Ferch und Udo Kier als Festivalgäste angekündigt.


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