„Ein Wendepunkt in unserer Geschichte“: 25 Jahre Baltischer Weg

Europa-weit/Riga (APA/dpa) - 1989 gingen in ganz Mittel- und Osteuropa die Menschen auf die Straße. Auch im Baltikum demonstrierten zwei Mil...

Europa-weit/Riga (APA/dpa) - 1989 gingen in ganz Mittel- und Osteuropa die Menschen auf die Straße. Auch im Baltikum demonstrierten zwei Millionen Esten, Letten und Litauer ihren Freiheitswillen - mit einer 600 Kilometer langen Menschenkette.

Hand in Hand für die Freiheit: Der 23. August 1989 war ein warmer und sonniger Mittwoch - und doch kein gewöhnlicher Sommertag wie jeder andere. Mehr als zwei Millionen singender Menschen in den damaligen Sowjetrepubliken Estland, Lettland und Litauen nahmen den friedlichen Kampf für ihre staatliche Unabhängigkeit auf - mit einer Menschenkette.

„Der Baltische Weg war damals ein Wendepunkt in unserer Geschichte und der Geschichte der baltischen Staaten“, meint die lettische Kulturministerin Dace Melbarde, die sich als 18-Jährige in die Menschenkette einreihte. „Er war ein Wendepunkt für unsere Selbstwahrnehmung und das Bewusstsein, dass wir in der Lage sind, die Zukunft zu verändern, wenn wir zusammenstehen“.

Männer, Frauen und Kinder hielten sich 15 Minuten lang entlang der über 600 Kilometer langen Strecke an den Händen - von Tallinn (Estland) über Riga (Lettland) bis nach Vilnius (Litauen). Zu Fuß, mit dem Fahrrad, im Auto oder per Bus begeben sie sich an eine Fernverkehrsstraße durch das Baltikum und reihen sich nebeneinander auf. Viele Menschen halten Plakate mit Forderungen nach Freiheit und Unabhängigkeitslosungen hoch oder rollen ihre verbotenen Nationalflaggen aus - über das Fernsehen gehen die Bilder um die Welt.

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Die friedliche Demonstration war über Zeitungsaufrufe und zahlreiche Helfer entlang der Strecke organisiert worden. Am wichtigsten aber waren die unzähligen tragbaren Transistorradios. Daraus ertönt um 19:00 Uhr das Signal für den Beginn des Baltischen Wegs. Beim Lied „Die baltischen Staaten erwachen“ nehmen sich zwei Millionen Menschen einander an die Hand und beginnen in drei Sprachen zu singen.

Die nationalen Freiheitsbewegungen in den drei Sowjetrepubliken wollten so am 50. Jahrestag der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffs-Vertrags von 1939 die Welt an ihr Schicksal erinnern. Das geheime Zusatzprotokoll gab der Sowjetunion freie Hand für die Eroberung der baltischen Staaten.

„Der Baltische Weg war eine Botschaft an die Welt: ‚Wir wollen Freiheit und werden sie friedlich erringen; Gewalt und Unrecht müssen ein Ende haben‘“, erinnert sich Vytautas Landsbergis, der 1990 erstes Staatsoberhaupt Litauens nach der Unabhängigkeitserklärung des Landes wurde.

„Für mich war es ein sehr emotionales Ereignis. Ich denke, dass diejenigen, die sich am Baltischen Weg beteiligt haben, sich ihr Leben lang daran erinnern werden“, sagt die lettische Journalistin und Politikerin Sarmite Elerte.

Viele Teilnehmer erkannten damals noch nicht die Trageweite der Protestaktion. Im Rückblick aber war der Baltische Weg eine entscheidende Weichenstellung in der sogenannten „Singenden Revolution“, die im Herbst 1991 in der Unabhängigkeit der baltischen Staaten und dem Zerfall der Sowjetunion endete. Heute sind die drei Baltenstaaten mit ihren insgesamt gut sechs Millionen Einwohnern Mitglieder von EU und NATO. Estland und Lettland gehören zudem der Eurozone an, Litauen führt den Euro zum Jahreswechsel ein.

„Ich freue mich, dass der Baltische Weg wieder verbunden ist und dass wir jetzt auf eine neue Weise vereint sind, in einem neuen Europa“, begrüßt die estnische EU-Abgeordnete Marju Lauristin die kürzlich beschlossene Aufnahme Litauens in die Währungsunion. Dass es überhaupt dazu kommt, ist auch ihr Verdienst: Als Mitbegründerin der Unabhängigkeitsbewegung war sie vor 25 Jahren in Estland die Erste in der Menschenkette.


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