Sehnsucht nach neuen Utopien: Pop und Politik auf der „Jesuitenwiese“

Wien (APA) - Von Mythen umrankt und von Hoffnungen beseelt - kaum ein Ort in Wien eignet sich besser für einen „leicht revolutionären Poprom...

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Wien (APA) - Von Mythen umrankt und von Hoffnungen beseelt - kaum ein Ort in Wien eignet sich besser für einen „leicht revolutionären Poproman“ als die Jesuitenwiese im Prater. Dort findet nicht nur seit 1946 das kommunistische Volksstimmefest statt, dessen wechselhafter Geschichte in „Jesuitenwiese“ von Fanny Blissett ausführlich Rechnung getragen wird; die Wiese dient auch gern als kollektiver Sehnsuchtsort.

Das Kollektiv steht im und für den Roman dabei ebenso im Zentrum wie die Sehnsucht nach neuen Utopien, nachdem sich in den vergangenen 25 Jahren die linken Pläne der Gesellschaftsveränderung durch Jugend- und Popkultur augenscheinlich nicht durchsetzen konnten. „Viele dieser politischen Hoffnungen scheinen sich inzwischen aufgelöst zu haben“, schildert Christian, einer der Protagonisten, zu Beginn seine Motivation. „Das Buch (...) könnte mögliche Auswege aus der Krise beschreiben.“

Dass die Protagonisten ihre Motivation für die Geschichte schildern, mag ungewöhnlich klingen. Tatsächlich steckt hinter dem Namen Fanny Blissett (eine Art feministische Anspielung auf das anarchistische italienische Künstlerkollektiv Luther Blissett) aber ein akademisch geprägtes Autorenkollektiv aus Wien, das in einem über weite Strecken gelungenen Experiment autobiografische Erfahrungen mit Science-Fiction-Elementen, wissenschaftlicher Recherche, Liebesgeschichten und politischen Ideale montiert. Die einzelnen Texte werden zwischendurch von den Autoren selbst kritisch auf ihre Plausibilität, Klischeehaftigkeit und Kohärenz überprüft.

So wird man* (das Genderbewusstsein wird durchgehend mittels Sternchen ausgedrückt) in „Jesuitenwiese“ gleichzeitig Zeuge der Entstehung eines Romans wie auch der mehr oder minder eleganten, aber zumeist witzig zu lesenden Jagd nach den verschwundenen Milliarden der Kommunistischen Partei (KPÖ). Diese Jagd führt quer durch Wiener Lokale und Szenen, die bei entsprechender Kenntnis leicht zu dechiffrieren sind, ist manchmal ein wenig didaktisch geraten, manchmal wissenschaftsromantisch (wenn es etwa ins Archiv nach Moskau geht) oder auch etwas einseitig (gerade in der karikierenden Zeichnung des Opponenten aus dem Heeresnachrichtenamt), aber auch von schönen Anspielungen, diskursiver Einsicht, reflexiver Leidenschaft und einer klaren Haltung geprägt.

Dass diese Haltung leicht nostalgisch angehaucht ist, drückt sich nicht zuletzt in der Figur von Pavel aus, der ein Lokal am Donaukanal betreibt und zur Zeit der Anti-Schwarz-Blau-Demos die legendäre DJ-Veranstaltungsreihe „Volkstanz“ verantwortete. Für ihn ist die elektronische Musikszene in Wien heute international bedeutungslos, die Hipster-Bewegung der „coole Flügel des Neoliberalismus“ („Ironie ist der Verzicht auf den Möglichkeitssinn“) und Medien wie FM4 oder Vice dessen Sprachrohre. Resignativ in Bezug auf die linken Bewegungen heute weiß er noch am ehesten die kämpferische Maia und die von ihr frequentierte Queer-Kultur für ihr kritisches Potenzial zu würdigen.

Die Episoden von Maia und ihrem Forscherfreund Christian, der Radioreporterin Karin und dem deutschen Theologiestudenten Reinald sind sprachlich nicht immer auf dem gleichen Niveau und meist zwar augenzwinkernd, aber doch auch ernst gemeint. „Ich habe ziemlich verstörend gefunden, dass uns einige Figuren letztlich vielleicht ein wenig klischeehaft geraten sind“, kritisiert Karin gegen Ende. Doch sie darf beruhigt sein: das Buch bleibt dennoch ein schöner Gegenentwurf der jüngeren österreichischen Geschichte. „Kommunismus kann man nicht zu zweit machen.“ - „Bist du sicher?“

(S E R V I C E - „Jesuitenwiese. Ein leicht revolutionärer Poproman“ von Fanny Blissett, Zaglossus Verlag, Wien 2014, 311 Seiten, 19,95 Euro)


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