„Idomeneo“-Regisseur 2 - „Oper als Kunstform ist nicht in der Krise“

Wien (APA) - APA: Wie sehr kann ein starker Sänger wie Michael Schade (er singt die Titelpartie, Anm.) in Ihrem Konzept an der Gestaltung se...

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Wien (APA) - APA: Wie sehr kann ein starker Sänger wie Michael Schade (er singt die Titelpartie, Anm.) in Ihrem Konzept an der Gestaltung selbst mitwirken?

Holten: Mit einem Sänger wie Michael zu arbeiten ist ein Geschenk. Er bringt seine Erfahrungen als Künstler, als künstlerischer Leiter, als Mensch, als Vater ein - und er hat die Rolle schon früher gesungen. Ich bin als Regisseur nicht jemand, der sagt: Du gehst dorthin und dorthin. Ich komme mit einem Sackerl Samen. Ob Rosen oder Orchideen - das ist meine Wahl. Aber ich muss es dazu bringen, dass es in ihm wächst. Es ist seine Blume. Nur ab und zu muss man auch Verkehrspolizist spielen und lenken, denn es ist ja mehr als eine Person auf der Bühne.

APA: Sie arbeiten in Covent Garden nicht nur mit dem österreichischen Regisseur Martin Kusej, Sie haben auch dem österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas einen Opernauftrag gegeben.

Holten: Ja, wir machen eine Uraufführung, „Morgen und Abend“, zu einem Libretto von Jon Fosse. Das wird am 13. November 2015 uraufgeführt, als Koproduktion mit der Deutschen Oper Berlin. Sehr spannend. Als eine meiner ersten Entscheidungen haben wir Auftragswerke vergeben. In den nächsten fünf Spielzeiten machen wir acht Uraufführungen auf der großen Bühne - ich glaube, das ist Rekord. Haas ist dabei der Erste in der Reihe, dann kommt Thomas Ades, gemeinsam mit den Salzburger Festspielen.

APA: Oper und Krise - darüber wird seit Jahren diskutiert. Auch die Wiener Staatsoper hat zwar 99 Prozent Auslastung, aber dennoch große Schwierigkeiten mit der Finanzierung. Wie erleben Sie als Operndirektor dieses Dilemma?

Holten: Ich finde, es ist wichtig, dabei zu differenzieren: Oper als Kunstform ist nicht in der Krise. Heute hören mehr Menschen als je zuvor Oper. In China werden neue Opernhäuser gebaut. Oper lebt und hat mehr Menschen denn je etwas zu sagen. Was in der Krise ist, ist das Business-Modell unserer Opernhäuser. Es wird immer schwieriger für Subventionen zu argumentieren, wenn Schulen und Spitäler Einsparungen machen müssen. In London haben wir jetzt 23 Prozent Subventionen, viel weniger als alle anderen großen Häuser in Europa - und wir müssen dennoch mit denselben Künstlern verhandeln und versuchen, ihnen dieselben Gagen anzubieten.

APA: Wie lösen Sie das Problem?

Holten: Wir haben Sponsoring und Mäzenatentum stark ausweiten müssen, und besonders Letzteres läuft zum Glück sehr gut, weil es viele Menschen gibt, die der Gesellschaft etwas zurückgeben möchten. Aber die Politiker müssen wissen: Wenn wir weniger Subventionen bekommen, dann werden die Karten teurer, es wird mehr und mehr ein exklusiver Klub, und das Risiko wird geringer. Wir machen dann weniger Kunst und mehr Unterhaltung. Dabei sehe ich als Zuschauer ja lieber eine misslungene Aufführung, die mich interessiert, als eine gelungene Aufführung, die mich langweilt. Wir müssen Politiker immer daran erinnern, wie vergleichsweise wenig Geld die Kunst bekommt, sodass gravierende Einsparungen bei uns im Gesamten dennoch kaum ins Gewicht fallen und eher symbolisch sind. Wir müssen uns überlegen, wie eine Gesellschaft aussieht, die kein künstlerisches Leben mehr hat.

APA: In Zeiten der Budgeteinsparungen gibt es aber wenig Chance auf mehr staatliches Geld für die Kunst.

Holten: Natürlich wissen wir: Die Subventionen werden nicht steigen. Daher brauchen wir ein neues Business-Modell. Das heißt für mich: intelligent denken, wie etwa das tolle Streaming-Modell hier an der Wiener Staatsoper. Wir müssen auch überlegen, die Preise mehr zu differenzieren. Ich glaube, die Zukunft der Oper ist, ob wir es wollen oder nicht, ein Mischung aus dem amerikanischen und dem europäischen Modell. In London versuchen wir eine Mischung aus 40 Prozent Box Office, 20 Prozent Subventionen, 20 Prozent Sponsoring und Philanthropie und die restlichen 10 Prozent müssen wir selbst verdienen mit Dingen wie Streaming, Kino-Übertragungen oder Restaurants. Sich nicht auf eine einzige Einnahmequelle zu verlassen, ist die Zukunft.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)


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