In Ostjerusalem braut sich eine Jugendrevolte zusammen

Jerusalem/Gaza (APA/AFP) - Mouaz und Mohammed Salaymeh ignorieren die Blendgranaten, deren lauter Knall die Luft in der Jerusalemer Altstadt...

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Jerusalem/Gaza (APA/AFP) - Mouaz und Mohammed Salaymeh ignorieren die Blendgranaten, deren lauter Knall die Luft in der Jerusalemer Altstadt vibrieren lässt. Die beiden palästinensischen Cousins sind zu sehr darauf erpicht, die israelischen Polizisten zu provozieren, die Jugendliche nach Steinwürfen in die Flucht treiben.

Im Ostteil Jerusalems, den Israel seit 1967 militärisch besetzt hält, sind gewaltsame Proteste nicht ungewöhnlich. Aber so unruhig wie in diesem Sommer war es seit vielen Jahren nicht mehr. Beobachter beider Seiten fürchten unkontrollierbare Entwicklungen.

Der 14 Jahre alte Mouaz wurde bereits zweimal von der israelischen Polizei festgenommen. „Beim ersten Mal war ich acht Tage im Gefängnis. Sie haben mich um 04.00 Uhr in der Nacht zu Hause verhaftet, durchsucht und verhört, weil ich Steine geworfen hatte“, berichtet er.

Die vielen Festnahmen und Berichte über schlechte Behandlung in den Gefängnissen haben den Zorn vieler Palästinenser immer weiter angefacht, der Anfang Juli infolge der brutalen Ermordung eines 16-jährigen Zufallsopfers durch jüdische Rechtsextremisten in den arabischen Vierteln Jerusalems entflammt war. Der Gazakrieg goss danach sieben Wochen lang weiteres Öl ins Feuer.

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So demonstrierte Walid Touffaha gegen die israelische Militäroffensive, als er erneut festgenommen wurde. Rund 30 Mal sei er in den vergangenen fünf Jahren in Gewahrsam genommen worden, sagt der 18-Jährige. „Ich war nicht lange im Gefängnis, muss aber gemeinnützige Arbeit bei der israelischen Post verrichten“, erzählt Walid. Danach werde er wohl wegen der Vorstrafe nie wieder Arbeit in einem jüdischen Betrieb finden. „Das nervt.“

„Gefängnisaufenthalte fördern den Extremismus“, versichert Nasser Qauz, Vorsitzender des Vereins palästinensischer Gefangener in Jerusalem. Die erste Verhaftung sei ein Schock: „Wenn mitten in der Nacht 20 israelische Soldaten bei einem Kind auftauchen, es festnehmen und grob einschüchtern, hinterlässt das starke Spuren: Die Jungs sagen sich, weil ihr Name nun auf der schwarzen Liste stehe, bräuchten sie sich nicht mehr zusammenreißen.“

Nach Polizeiangaben sind mehr als 700 Palästinenser seit Juli bei Unruhen in Ostjerusalem festgenommen worden, davon mindestens 250 Minderjährige. „Noch nie war die Gewalt so flächendeckend und anhaltend“, erklärt Daniel Seidemann, ein bekannter israelischer Rechtsanwalt, der sich auf Ostjerusalem spezialisiert hat. „Derzeit muss ich mich von einem Palästinenser begleiten lassen, wenn ich in diesen Stadtteilen unterwegs bin. Das war vorher nie der Fall.“

Im Allgemeinen seien sich beide Bevölkerungsgruppen bisher aus dem Weg gegangen. „Jeder lebte in seinen Wohngebieten und ging nicht in die anderen“, berichtet Seidemann. Deshalb hätten die 2.500 israelischen Siedler, die sich mitten in den zentraleren arabischen Vierteln niederlassen, ein so hohes Störpotenzial. „Deren Kommen und Gehen in gesicherten Autokonvois wird inzwischen regelmäßig von Steinwürfen und Brandflaschen der jugendlichen Nachbarn begleitet“, hat der Anwalt beobachtet.

Es sei für die 290.000 arabischen Einwohner nicht mehr möglich, die Präsenz der insgesamt 200.000 israelischen Siedler in Ostjerusalem einfach zu ignorieren, sagt Mahmoud Karayin vom Bürgerzentrum im Stadtteil Silwan. „Die Palästinenser merken, dass sie verdrängt werden sollen, und dass die Siedlervorhut gewalttätig ist.“ Das Gefühl, als Bürger zweiter Klasse behandelt zu werden, die zwar Aufenthaltsrecht in Israel, aber keine Staatsangehörigkeit haben, habe befeuert durch die Ereignisse im Juli auch die Bewohner bisher ruhiger Stadtteile auf die Straße getrieben.

Seidemann kritisiert: „Israel gibt ihnen klar zu verstehen: Ihr zählt nicht, Ihr könnt bei uns nicht wählen und vom Westjordanland seid Ihr abgeschnitten.“ Und Qauz vom Gefangenen-Verein warnt: „Es könnte eine noch viel schlimmere Explosion geben. Wenn Israel weiter Druck auf diese Landmine ausübt, geht sie in die Luft.“


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