Ashraf Ghani - Ungestümer Freigeist und gewiefter Taktiker

Kabul (APA/AFP) - Es war ein langer Weg an die Spitze Afghanistans - doch nun hat Ashraf Ghani es geschafft: Am Montag legte er seinen Amtse...

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Kabul (APA/AFP) - Es war ein langer Weg an die Spitze Afghanistans - doch nun hat Ashraf Ghani es geschafft: Am Montag legte er seinen Amtseid als neuer Präsident seines Landes ab.

Der renommierte Intellektuelle beschreibt sich selbst als „Freigeist“. Der frühere Weltbank-Experte ist auch ein geschickter Taktiker: Nur wenige Stunden vor Verkündung des Ergebnisses der Stichwahl vom 14. Juni vor rund einer Woche hatte Ghani mit seinem Rivalen Abdullah Abdullah eine Vereinbarung über die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit unterzeichnet. In diese ist Abdullah nun als eine Art Regierungschef eingebunden.

„Ich habe vor zu reisen, ich bin ein Freigeist, der nicht in einem Palast eingeschlossen bleiben kann“, sagte der 65-jährige Ex-Finanzminister der Nachrichtenagentur AFP unlängst zu seinen Plänen. Auf das Amt des Staatschefs hat er lange hingearbeitet: Bei der Präsidentenwahl 2009 war Ghani noch abgeschlagen auf dem vierten Platz gelandet, doch gewann er seitdem deutlich an Statur. Im ersten Durchgang der Präsidentenwahl im April kam er mit 31,6 Prozent hinter Abdullah noch auf den zweiten Platz - in der Stichwahl hat er dann den Spieß umgedreht.

Im Wahlkampf versprach der 65-Jährige, der mit dem Koran als Wahlsymbol antrat, den Ausbau der lokalen Infrastruktur. Bei seinen Wahlkampfauftritten begeisterte der für seinen ungestümen Charakter bekannte Politiker durch seine temperamentvollen Reden, bei denen er scharfe Angriffe mit Scherzen mischte.

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Über Rückhalt verfügt der Paschtune, der seit einiger Zeit vermehrt mit Turban auftritt und seinen Stammesnamen Ahmadsai verwendet, vor allem im paschtunischen Osten und Süden des Landes. Um auch bei den ethnischen Minderheiten im Norden zu punkten, wählte Ghani vor der Wahl den Usbeken Rashid Dostum zu seinem Stellvertreter. Die Ernennung des einstigen Kriegsherren brachte Ghani jedoch scharfe Kritik ein, da Dostum für schwere Verbrechen nach dem Sturz der radikal-islamischen Taliban verantwortlich gemacht wird.

Ghani selbst ist unbelastet durch die Kriegszeit, da er das Land bereits 1977 vor dem Einmarsch der Sowjet-Armee verließ. In den 1980er Jahren erwarb er sich internationales Ansehen als Akademiker, als er an mehreren US-Universitäten Politikwissenschaft und Anthropologie lehrte. Im Jahr 1991 wechselte er zur Weltbank. Erst nach dem Sturz der Taliban im Zuge der US-geführten Intervention 2001 kehrte er nach Kabul zurück und diente dem UNO-Gesandten Lakhdar Brahimi als Sonderberater.

In der Übergangsregierung von Präsident Hamid Karzai war er von 2002 bis 2004 Finanzminister, unter anderem führte er eine neue Währung und ein neues Steuersystem ein. Später leitete der für seine scharfe Zunge bekannte Politiker die Nationale Sicherheitskommission. In dieser Rolle überwachte er die Übergabe der Verantwortung für die Sicherheit an die Afghanen.

Ghani hat versprochen, ein umstrittenes Sicherheitsabkommen mit Washington über die längerfristige Präsenz von US-Soldaten zu ratifizieren. In einem AFP-Interview sprach er sich zudem für die Aussöhnung mit Pakistan aus. Darin liege ein Schlüssel zu mehr Stabilität in seinem Land.

Um die Stabilität ist es nicht nur wegen der regelmäßigen Anschläge der Islamisten nicht gut bestellt. Nach der Stichwahl überzogen sich Ghani und Abdullah monatelang mit Betrugsvorwürfen. Schließlich einigten sie sich unter internationalem Druck auf eine komplette Neuauszählung der Stimmen, die wochenlang dauerte. Das Dokument zur Bildung einer Regierung der nationalen Einheit ebnete dann den Weg zum ersten demokratischen Machtwechsel in Afghanistan. Vor Ghani liegen enorme Herausforderungen. Gleich am Montag legte der neue Staatschef los: Er rief die Taliban und andere Aufständische zu Friedensgesprächen mit der Regierung auf.


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