China-Aktien in Frankfurt - Börse fährt Werben zurück

Frankfurt/Peking (APA/dpa) - China-Aktien am deutschen Markt wurden zum Abenteuer für viele Anleger. Inzwischen hat die Deutsche Börse ihr W...

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Frankfurt/Peking (APA/dpa) - China-Aktien am deutschen Markt wurden zum Abenteuer für viele Anleger. Inzwischen hat die Deutsche Börse ihr Werben um chinesische Börsenkandidaten zurückgefahren. Der Weg aufs Frankfurter Parkett ist für manches Unternehmen aus dem Reich der Mitte holprig.

Mitte September sorgt der chinesische Schuhhersteller Ultrasonic für Wirbel an der Frankfurter Börse: Per Pflichtmitteilung informiert Ultrasonic, der Unternehmenschef und ein zweiter Vorstand seien abgetaucht, die Firmenkasse von den Managern vor der Flucht quasi geplündert worden. Knapp eine Woche später taucht der umgehend abberufene Firmenchef wieder auf: „Er bereite seine Rückkehr zum Unternehmen vor und würde auch die Finanzmittel wiederbeschaffen“, teilt Ultrasonic mit. Angeblich war der Mann nur im Urlaub und nicht erreichbar, weil er sein Handy verloren hatte.

Medien ätzen schon länger über „chinesische Geldvernichter“, die sich auf dem deutschen Markt auf Kosten gutgläubiger Anleger Ansehen in der Heimat erkaufen. „Es gab einige unehrliche Unternehmen, die den Markt sehr negativ beeinflusst haben“, konstatiert die chinesische Finanzkommentatorin Ye Tan, die für mehrere große Zeitungen schreibt und in Chinas Staatsfernsehen auftritt. Das Interesse chinesischer Unternehmen am Frankfurter Aktienmarkt sei auch deshalb nicht groß.

Dennoch suchen immer wieder Unternehmen aus dem Reich der Mitte den Weg aufs Frankfurter Parkett: Der Daunen-Verarbeiter Snowbird startete am Montag als 16. Chinese seit 2007 im Prime Standard - unter großem Jubel von Management und Familienangehörigen. „Die Präferenz kleinerer und mittlerer chinesischer Unternehmen ist durchaus ein Listing in China“, schildert der China-Experte von PricewaterhouseCoopers (PwC), Jens-Peter Otto. „Aber die Warteliste dort ist extrem lang, die Anforderungen sind kaum abschätzbar.“ Manchem Unternehmen bleibe daher für einen Börsengang (Initial Public Offering/IPO) nur der Gang ins Ausland.

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Im Vergleich zu Hongkong, Singapur und New York spiele der Börsenplatz Frankfurt wie London eher „in der zweite Liga“, was Zahl der Unternehmen und Größe angehe, räumt der chinesische Repräsentant der Frankfurter Börse in Peking, Wu Jiaohong, ein. Es gebe auch Sprachprobleme. Bereite ein chinesisches Unternehmen einen IPO an drei Orten vor, müsse für Frankfurt eigens ein deutsches Team gegründet werden. Das sei auch eine Kostenfrage. Investmentbanken führten Firmen daher lieber nach Hongkong, Singapur oder in die USA.

Es habe sich „in den vergangenen Jahren gezeigt, dass vor allem kleinere und mittlere Unternehmen den Weg nach Frankfurt finden“, bestätigt der IPO-Experte von PwC, Christoph Gruss. Sein Kollege Otto betont, Wirren wie bei Ultrasonic oder kurz zuvor beim chinesischen Kartonhersteller Youbisheng Green Paper seien Einzelfälle.

Anlegern machten chinesische Firmen an der Börse Frankfurt bisher wenig Freude. Die Kurse fast aller dort gehandelten China-Werte gingen in den Keller. Beispiel ZhongDe Waste: Im Juli 2007 startete der Anbieter von Müllverbrennungsanlagen als erstes chinesisches Unternehmen im Prime Standard, Ausgabepreis: 26 Euro. Der Kurs schoss auf fast 41 Euro - zuletzt notierte die Aktie unter 3 Euro.

Im Sinn hatte die Deutsche Börse etwas völlig anderes: Noch vor einigen Jahren warben die Frankfurter mit großem Aufwand offensiv um chinesische Börsenkandidaten. Am 30. März 2007 teilte der Dax-Konzern mit: „Die Deutsche Börse engagiert sich weiterhin stark, um Börsennotierungen chinesischer Unternehmen in Frankfurt zu fördern.“

Seit rund einem Jahr ist das vorbei: „Aus betriebswirtschaftlichen Gründen hat die Deutsche Börse entschieden, keine proaktive Werbung mehr in China für Listings in Frankfurt zu machen“, heißt es nun aus der Zentrale der Börse in Eschborn vor den Toren Frankfurts.

Die Börse betont: „Chinesische Unternehmen, die im Prime Standard der Deutschen Börse gelistet sind, haben sich für die höchsten Transparenzstandards in Europa entschieden.“ Letztlich entscheide der Markt „über die Börsenreife und Qualität von Unternehmen“.

Im Fall von Snowbird scheint diese Kontrolle funktioniert zu haben: Der Daunen-Verarbeiter musste vor dem Börsengang Federn lassen. Zwar konnten die Aktien am oberen Ende der Preisspanne von 5,50 bis 6,00 Euro platziert werden, allerdings wurde das Unternehmen nur knapp 1,6 Mio. Papiere los. „Wir haben weniger Kapital eingenommen als erwartet“, räumte Vorstandschef Yan Changzai - am Revers geschmückt mit chinesischer und deutscher Flagge - zum Börsenstart am Montag ein. „Aber wir sind nicht enttäuscht, wir glauben, wir haben angesichts des schwierigen Umfeldes ordentlich Geld eingesammelt.“

Insgesamt sei das Umfeld für Börsengänge derzeit günstig, sagt PwC-Experte Gruss: „Ich glaube schon, dass es weiterhin chinesische Unternehmen an der Frankfurter Börse geben wird, aber die Hochzeit ist vorbei.“


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