Tourismus trotzte verregnetem Sommer

Wirtschaftsminister Mitterlehner (ÖVP) lobt den heimischen Tourismus als „krisenfest“. Die Bilanz des heurigen Sommers ist für die Wirtschaftskammer dennoch „ernüchternd“. Neben dem schlechten Wetter trübte auch die Ukraine-Krise die Reisefreude von Urlaubern. Vor allem russische Gäste blieben aus.

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Den Regenschirm sollte man in der kommenden Woche stets griffbereit haben. (Archivfoto)
© TT/Andreas Rottensteiner

Wien – Obwohl das Sommerwetter heuer sehr zu wünschen übrig ließ, hat die Tourismusbranche bisher sogar etwas bessere Ergebnisse als im Vorjahr verbucht. Trotz des verregneten Julis haben die heimischen Beherbergungsbetriebe zwischen Mai und August ein leichtes Nächtigungsplus von 0,8 Prozent auf 50,02 Millionen erzielt - das höchste Niveau seit 1995, geht aus ersten Daten der Statistik Austria hervor.

Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner lobte die österreichische Tourismuswirtschaft als „robust und krisenfest“. Ganz anders beurteilte dies die Wirtschaftskammer. Die Obfrau der Bundessparte Tourismus und Freizeitwirtschaft in der Wirtschaftskammer Österreich, Petra Nocker-Schwarzenbacher, ist „ernüchtert“ ob der Ergebnisse. Denn im bisherigen Gesamtjahr 2014 (Jänner bis August) haben die Beherbergungsbetriebe um 1,3 Prozent weniger Nächtigungen verbucht als im Vorjahr.

14,77 Millionen Gäste

Die Zahl der Gästeankünfte stieg laut Statistik Austria gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres sogar um 2,9 Prozent auf 14,77 Millionen. In den Hotels und Pensionen checkten fast doppelt so viele ausländische Touristen ein (9,76 Millionen) wie inländische (5,0 Millionen).

Einen deutlichen Zuwachs bei den Übernachtungen gab es bei Amerikanern (plus 10,8 Prozent), Polen (plus 8,7 Prozent), Ungarn (plus 7,0 Prozent) und Tschechen (plus 5,9 Prozent). Gleichzeitig gingen die Nächtigungen durch Russen um 8,2 Prozent zurück. Die Übernachtungen durch die Urlauber aus den beiden wichtigsten Herkunftsländern Deutschland und Niederlande ging hingegen um 0,3 Prozent auf 18,34 Millionen bzw. 0,2 Prozent auf 3,17 Millionen etwas zurück.

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Insgesamt nahmen die Übernachtungen ausländischer Urlauber im Berichtszeitraum um 1 Prozent auf 34,97 Millionen zu. Die Aufenthalte der Inländer entwickelten sich mit einem geringfügigen Plus von 0,3 Prozent stabil.

Starker August hebt das Ergebnis

Das positive Nächtigungsergebnis im Viermonatszeitraum verdanken die Zimmervermieter der extrem starken Vorsaison und dem sehr guten August. Zwischen Mai und Juni legten die Übernachtungen im Jahresabstand um 5 Prozent zu; und auch der wichtige Sommermonat August zeigte gegenüber dem Vorjahr ein Plus von 1,6 Prozent auf 18,46 Millionen Nächtigungen - das war der beste Wert seit 1994. In dem Monat ließen zwar die inländischen Urlauber aus (minus 4,3 Prozent), doch sorgten die ausländischen Gäste für einen Zuwachs von 3,7 Prozent auf 13,80 Millionen Nächtigungen. Mehr als die Hälfte davon (7,73 Millionen) entfiel auf deutsche Urlauber.

Trotz der erfreulichen Nächtigungsbilanz im August waren die beiden Hauptsommermonate Juli und August gegenüber dem Vorjahr immer noch um 1,2 Prozent im Minus. Der komplett verregnete Juli schlug sich negativ nieder und konnte nicht ausgeglichen werden.

Im bisherigen Kalenderjahr (Jänner bis August) schnitten die heimischen Beherbergungsbetriebe mit ihren 99,55 Millionen Nächtigungen um 1,3 Prozent schlechter ab als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Dabei stieg die Zahl der ankommenden Gäste sogar um 1,6 Prozent auf 26,88 Millionen. Dieser neue Höchstwert wird allerdings durch deutlich verkürzte Aufenthalte neutralisiert.

Wirtschaftskammer: Baden war heuer nicht möglich

Petra Nocker-Schwarzenbacher von der Wirtschaftskammer empfindet die Ergebnisse als „ernüchternd“. Denn im bisherigen Gesamtjahr 2014 (Jänner bis August) haben die Beherbergungsbetriebe um 1,3 Prozent weniger Nächtigungen verbucht als im Vorjahr.

Es habe vor allem Regionen und Betriebe getroffen, die besonders stark vom Wetter abhängig sind. „Baden, Radfahren und Campen waren in diesem Sommer leider nicht allzu oft möglich“, so die Sprecherin von rund 90.000 Tourismusbetrieben. Vor allem der Ausflugstourismus sei in einigen Regionen nahezu eingebrochen. „Die Umsatzrückgänge einzelner Betriebe waren schmerzlich bis kaum verkraftbar“, so die Branchenvertreterin.

Immer kürzere Verweildauer von Urlaubern

Die relativ stabilen Nächtigungszahlen zwischen Mai und August erklärt sich Nocker-Schwarzenbacher mit den guten Erfahrungen der Urlauber im Vorjahr: „Wer aufgrund des schönen Sommers 2013 bereits wieder für 2014 gebucht hatte, ist gekommen.“ Der Trend zu steigenden Gästezahlen, dafür aber kürzeren Urlaubsaufenthalten habe sich aber fortgesetzt. Seit 1995 sei die durchschnittliche Verweildauer von 4,8 auf 3,6 Nächte pro Aufenthalt gesunken.

Zudem seien von der „Russland-Krise“ nicht nur Landwirtschaft und Industrie betroffen, sondern auch der heimische Tourismus. „Das statistische Minus von 8,2 Prozent bei den Nächtigungen russischer Gäste von Mai bis August drückt keineswegs die tatsächliche Tragweite aus“, betonte die Branchensprecherin. Die Nächtigungsrückgänge in Wien, Salzburg und Graz seien sogar zweistellig. In Wien sei der Gesamtumsatz mit russischen Touristen heuer im ersten Halbjahr laut Mehrwertsteuerrückerstatter Global Blue um 16,8 Prozent eingebrochen.

„Politische Probleme nicht auf Rücken des Tourismus lösen“

„Unsere Gäste aus Russland und auch aus der Ukraine sind uns wie bisher sehr herzlich willkommen - politische Probleme müssen auf politischer Ebene gelöst werden, aber sicher nicht auf dem Rücken des Tourismus“, meinte Nocker-Schwarzenbacher. Die nationale Tourismusmarketing-Organisation Österreich Werbung erhalte ihre Aktivitäten in Moskau jedenfalls in vollem Umfang aufrecht. (APA, tt.com)


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