Was hinter dem Lufthansa-Pilotenstreik steckt

Frankfurt (APA/dpa) - Carsten Spohr zeigt sich zum Umbau der Lufthansa entschlossen. Bei der ehemaligen Staats-Airline und AUA-Mutter, die e...

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Frankfurt (APA/dpa) - Carsten Spohr zeigt sich zum Umbau der Lufthansa entschlossen. Bei der ehemaligen Staats-Airline und AUA-Mutter, die es zum umsatzstärksten Luftverkehrskonzern Europas gebracht hat, hätten einige noch nicht die Notwendigkeit zu Veränderungen erkannt, sagt der erst im Mai angetretene Konzernchef.

Der 47-Jährige meint insbesondere die Piloten, deren Gewerkschaft „Vereinigung Cockpit“ den bisher härtesten Streik in der Geschichte der Kranich-Linie vom Zaun gebrochen hat.

Nur noch vordergründig geht es in den Tarifverhandlungen um Übergangspensionen der 5.400 Piloten von Lufthansa, Lufthansa Cargo und Germanwings, die noch nach den Bestimmungen des Konzerntarifvertrags arbeiten. Lufthansa will das durchschnittliche Aussteigealter ihrer Pilotenschaft von jetzt 58 auf 61 Jahre erhöhen. Mit langen Übergangsfristen erscheint das eigentlich machbar, zumal nach internationalen Vorschriften die Verkehrspiloten inzwischen bis 65 an den Steuerknüppeln sitzen dürfen.

Doch längst geht es um viel mehr. Spohr sieht sein Unternehmen wie auch die anderen europäischen Luftverkehrskonzerne von allen Seiten unter Druck. Mit ungünstigen Kostenstrukturen müssen Lufthansa, British Airways oder Air France gegen immer zahlreichere Konkurrenten anfliegen. Auf den kürzeren Strecken in Europa sind es vor allem Billigflieger wie Ryanair und Easyjet, die die klassischen Netzcarrier im Punkt-zu-Punkt-Verkehr locker unterbieten und dennoch Gewinne erzielen. Sie kommen ohne riesige Verwaltungen aus und erzielen zudem durch billiges Personal und einheitliche Flotten deutliche Kostenvorteile.

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Auf der Langstrecke bauen die staatlich gestützten Golf-Airlines mit Emirates an der Spitze ihre Flotten immer weiter aus und locken mit Kampfpreisen Passagiere gerade auch aus Europa über ihre Wüsten-Drehkreuze. Mit Norwegian und der malaysischen Air Asia treten zudem neue Konkurrenten nach dem Low-Cost-Modell erstmals auch für Interkontinentalflüge an. Dem dauerhaften Preisverfall will Lufthansa in seiner Kernmarke mit einer eindeutigen Hochpreis-Luxus-Strategie begegnen. Lufthansa will die erste westliche Airline mit dem Fünf-Sterne-Prädikat des Skytrax-Portals werden. Das bedeutet hohe Investitionen in Jets und Ausstattung bei stagnierender Nachfrage.

Seine weitergehende Strategie für den Billigbereich hat Spohr vor einigen Wochen erläutert. Inzwischen wird deutlich, dass er auch vor schmerzhaften Schnitten nicht zurückschreckt, um wieder ausreichend Geld zu verdienen. Zum einen sollen die Low-Cost-Töchter zulasten der Mutter wie auch der Konzernmarken Swiss und Austrian stark wachsen. Die Umstellung vieler ehemaliger Lufthansa-Strecken auf die um 20 Prozent kostengünstigere Tochter „Germanwings“ gilt als erfolgreicher erster Schritt, aber auch nach Erreichen der Gewinnschwelle 2015 keineswegs als Endpunkt. Die noch einmal um 20 Prozent günstigere „Eurowings“-Flotte wird gerade von kleineren Regionalfliegern auf stattliche Airbus A 320 aufgerüstet und voll in den Germanwings-Flugplan eingebunden.

Eine neue Qualität erreicht das Wings-Konzept, wenn ab dem kommenden Jahr Eurowings-Jets in Basel die bisher dort stationierten Maschinen der Tochter Swiss ersetzen. Die neue Fluggesellschaft soll nach Lufthansa-Plänen nicht in Deutschland beheimatet sein und erst recht nicht dem Konzerntarifvertrag unterliegen. Über das gemeinsame Unternehmen SunExpress bastelt Lufthansa zudem mit Turkish Airlines an einer Plattform für interkontinentale „Wings“-Billigflüge.

Die anderen Platzhirsche haben bisher ähnliche Antworten wie Spohr gefunden: British Airways hat sich längst darauf zurückgezogen, mit Hilfe ihrer althergebrachten Start- und Landerechte vom Wirtschafts-Hotspot London aus Langstrecke in alle Welt zu fliegen. Die Billigfliegerei auf kurze Distanzen überlässt sie Easyjet & Co., heizt den europaweiten Wettbewerb aber über Vueling an, einer Tochter von British Airways und Iberia. Die stärker unter Druck stehende Air France-KLM wollte ebenfalls ihre Billigtochter Transavia stark ausbauen, hat den Plan nun aber nach einem zweiwöchigen Pilotenstreik zurückgezogen.

Spohrs Härte gegenüber den Piloten zeigt sich auch in seiner Drohung, beim Projekt „Jump“ notfalls Leihpiloten einzusetzen oder die Crews samt Maschine von einem Partner zu leasen. Öffentlich dachte er zudem darüber nach, ob sich die Streiks nicht einfach totlaufen würden.

Der VC passt hingegen die gesamte Richtung nicht. Schon bisher muss sich die selbstbewusste Funktionselite vorhalten lassen, dass es weltweit und sogar im eigenen Konzern viele Tausend Piloten gibt, die für deutlich weniger Geld ebenfalls gute Leistungen bringen. Man wolle eine weitere Spaltung der Pilotenschaft verhindern, sagt die VC. Doch eigentlich ist sie längst Realität.

~ ISIN DE0008232125 WEB http://www.lufthansa.com/ ~ APA437 2014-09-29/16:08


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