Massaker in Ayn al-Arab befürchtet, Türkei zieht Panzer auf

Berichten zufolge steht der „Islamische Staat“ nur mehr zwei Kilometer vor den Toren der Stadt. Die Extremisten feuern mit schwerer Atillerie.

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Mürsitpinar/Damaskus/Paris – Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) versucht weiterhin, die kurdische Stadt Ayn al-Arab einzunehmen. Berichten zufolge soll sie bereits zwei Kilometer vor der Stadt stehen. „Die Kämpfer können sich sehen“, sagte der Leiter der Menschenrechtsbeobachter, Rami Abdel Rahman. Bewohner befürchten ein Massaker.

Die Zahl der Luftangriffe in der Region sei zu gering und die Luftschläge seien zu weit weg von der Front, beklagen Augenzeugen, wie der US-Fernsehsender CNN in der Nacht zum Dienstag berichtete. Die Allianz rund um die USA bombardierte daraufhin am Dienstag mehrere Dörfer rund um die eingekreiste Stadt. Bei den Luftangriffen im Norden Syriens am Montag seien 13 IS-Kämpfer getötet worden, erklärten syrische Menschenrechtler. Die Türkei verlegte Panzer an die Grenze zu Syrien.

Die Unesco hat indes die Zerstörung von Kulturgütern in den von der Jihadistenmiliz IS kontrollierten Gebieten im Irak angeprangert. Die Chefin der UN-Organisation, Irina Bokowa, sprach am Montag bei einem Expertentreffen in Paris von einer „kulturellen Säuberung“ durch die Islamisten.

Massaker um Kobane befürchtet

„Wir brauchen Hilfe. Wir brauchen Waffen. Wir brauchen effektivere Luftschläge“, sagte Idriss Nassan aus Kobane. Wenn es so bleibt, „werden wir ein Massaker sehen“. Er könne sich nicht vorstellen, was geschehen werde, wenn die Terrormiliz in Kobane einmarschiert.

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Die Extremisten griffen Kobane aus allen Richtungen an, sagte Anwar Muslim am Telefon. Sie beschössen die Stadt mit schwerer Artillerie. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete, mindestens drei Menschen seien dabei ums Leben gekommen und weitere verletzt worden. Die Terrormiliz habe am Montag 17 Granaten auf das Zentrum von Kobane abgefeuert.

Die Jihadisten versuchen seit Tagen, Kobane einzunehmen. Vor mehr als einer Woche hatten sie Dutzende Dörfer im Umland unter ihre Kontrolle gebracht und eine Massenflucht Richtung Türkei ausgelöst. Die Orte liegen an der türkischen Grenze in einer Enklave, die von den kurdischen Volksschutzeinheiten beherrscht wird. Die Terrormiliz kontrolliert im Norden und Osten Syriens bereits rund ein Drittel der Fläche des Landes. Auch im Irak beherrscht sie riesige Gebiete.

IS zerstört religiöse Symbole und Heiligtümer

Die Extremisten hätten Schreine, Kirchen und wertvolle Manuskripte in Mossul, Tikrit und anderen Städten und Regionen zerstört, so die Unesco. Der IS vertritt eine radikal-sunnitische Islamauslegung. Die Verehrung von Monumenten wie Schreinen ist nach der Auffassung der Extremisten Götzendienst, ihre Zerstörung aus Sicht der Jihadisten daher legitim. Im Juli sprengten IS-Kämpfer in Mossul den Schrein Nabi Yunus, der von Muslimen und Christen als Grab des Propheten Jonah verehrt wurde.

Der Direktor des Nationalmuseums in Bagdad, Kais Rashid, beklagte in Paris die Zerstörung von antiken Gebäuden, deren Bau bis in die Zeit der Assyrer zurückreiche. Gestohlene assyrische Kunstwerke tauchten zudem mitunter in Europa auf, warnte Rashid. Die internationale Mafia informiere den IS über verkaufbare Kunstschätze. Der IS finanziert sich unter anderem durch den Schwarzhandel mit Öl und Kunstschätzen.

Die irakischen Behörden könnten derzeit nicht viel mehr tun, als die Zerstörungen und Plünderungen zu erfassen. „Wir müssen warten und alles tun, um sie (die Kunstschätze) zurückzuholen“, sagte Rashid. Als Beispiele für Zerstörungen in jüngster Zeit nannte der Kunstexperte Angriffe auf das Museum in Mossul, das zweitwichtigste im Irak, und die öffentliche Verbrennung von rund 1500 Handschriften aus Klöstern und anderen heiligen Stätten.

Die Unesco informierte die an den US-geführten Luftangriffen gegen IS beteiligten Länder über die geografische Lage aller wichtigen Kulturstätten im Irak, um weitere Schäden zu verhindern.

Türkei verlegt Panzer an Grenze

Nach dem Einschlag von Mörsergranaten aus Syrien hat die Türkei indes am Montag Panzer und gepanzerte Fahrzeuge in die Grenzstadt Mürsitpinar verlegt. Mürsitpinar liegt gegenüber der syrischen Kurdenstadt Ain al-Arab, auf die die Jihadistengruppe „Islamischer Staat“ (IS) vorrückt. Die türkische Regierung kündigte überdies an, das Parlament noch in dieser Woche um grünes Licht für eine Beteiligung an den US-geführten Angriffen gegen den IS zu bitten.

So lange der IS dutzende türkische Staatsbürger in seiner Gewalt hielt, verweigerte Ankara den USA ein militärisches Engagement im Kampf gegen die Extremisten. Nach der Freilassung der türkischen Geiseln hatte Präsident Recep Tayyip Erdogan einen Kurswechsel verkündet. „Wir können uns nicht raushalten und werden dort sein, wo wir gebraucht werden“, sagte er.

Ein Antrag auf Zustimmung wird ab Dienstag im Parlament erwartet, für Donnerstag ist eine Debatte vorgesehen. Die Regierung hofft auf grünes Licht noch vor den muslimischen Eid-Feiertagen, die am Samstag beginnen. Erdogan, dem zunächst eine Tolerierung der sunnitischen Islamisten unterstellt worden war, warf dem IS am Montag „Wildheit und Gewalt“ vor. Wer sich bei „Terrorakten“ auf den Islam berufe, „verdreht die Wahrheit“, sagte er in einer Rede in Istanbul. Der Islam sei „eine Religion des Friedens“. (APA/AFP/dpa)


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