Familiensynode - Zulehner: Über kirchlichen Tellerrand hinausblicken

Wien (APA) - Der Religionssoziologe Paul Zulehner erwartet sich von der außerordentlichen Bischofssynode, dass sie sich dem „dramatischen Wa...

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Wien (APA) - Der Religionssoziologe Paul Zulehner erwartet sich von der außerordentlichen Bischofssynode, dass sie sich dem „dramatischen Wandel“ im Verständnis von Familie, Liebe und Ehe in der Gesellschaft stellt. Die Teilnehmer der Familiensynode tun gut daran, „über den kirchlichen Tellerrand hinauszublicken“, forderte Zulehner im Kathpress-Gespräch.

Es sei zwar notwendig, „nahe an den verwundeten Menschen zu sein“, so etwa an den unter kirchlicher Ausgrenzung leidenden wiederverheirateten Geschiedenen, doch müsse auch das neue Familienverständnis in den westlichen Gesellschaften wahrgenommen werden. „Da hinken Theologie und Kirche noch hinterher.“

So werde Ehe heute zwar noch als ein Liebesbündnis verstanden, dies jedoch zunehmend mit zeitlichem Konnex: „Man sourced die bösen Tage aus, man will Liebe ohne Leiden, eine Art Wellness-Ehe.“ Dies halbiere jedoch die klassische kirchliche Trauungsformel von den guten wie bösen Tagen und sei daher für die Kirche „die eigentliche Provokation“, auf die es eine Antwort zu finden gelte - etwa in der Form, dass die Kirche wieder „mehr Lust auf Familie und Kinder machen“ sollte.

Der gesellschaftliche Wandel führe letztlich auch zu einer „größeren Instabilität“ der Beziehungen und zu deren rascheren Scheitern. Im Blick auf den kirchlichen Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen plädierte Zulehner daher für eine „großzügige Lösung“ und Barmherzigkeit. Diese dürfe dabei jedoch „nicht gegen das Recht ausgespielt werden“; vielmehr sei Barmherzigkeit ein notwendiges kirchliches Korrektiv, „damit das eigene kirchliche Recht nicht in Unrecht kippt“, so Zulehner.

Eine weitere Herausforderung stelle laut Zulehner die Verschiebung der Generationen dar: So würden Familien künftig nicht mehr nur aus zwei Erwachsenen und Kindern bestehen, sondern zunehmend aus Erwachsenen mit pflegebedürftigen älteren Menschen. Diese Verschiebung gelte es auch kirchlich wahrzunehmen, zitierte Zulehner ein Wort des verstorbenen Mailänder Erzbischofs Carlo Maria Martini: So wie die Eltern die Kinder zur Welt bringen, müssen künftig die Kinder die Eltern aus der Welt begleiten. „Jenseits aller pastoralen innerkirchlichen Fragen ist das die eigentliche Herausforderung. Und deren Dramatik hat auch Papst Franziskus erkannt, wenn er sagt: ‚Bleiben wir nicht zu lange bei den innerkirchlichen Problemen stehen‘. Wenn uns das gelingt, sind wir auf einem guten Weg.“


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