Die Angst der Mächtigen vor der Solidarität

Mit der berührenden Geschichtslektion „Jimmy’s Hall“ verabschiedet sich der große Aufklärer Ken Loach als Regisseur.

  • Artikel
  • Diskussion

Von Peter Angerer

Innsbruck –Für seinen Film „The Wind That Shakes The Barley“ über den irischen Bürgerkrieg wurde dem britischen Regisseur Ken Loach 2006 in Cannes die Goldene Palme verliehen. In „Jimmy’s Hall“ erzählt Loach noch einmal von Irland. Die Iren leben nun in einer Repu­blik, doch für die Pächter und Arbeiter sind die Verhältnisse nicht besser geworden. Nach der Premiere des Filmes beim diesjährigen Festival in Cannes verkündete Loach, Jahrgang 1936, seinen Rückzug vom Kino, „Jimmy’s Hall“ ging bei der Preisverleihung dennoch leer aus. Aber Loach war bereits zuvor bei der Berlinale mit einem Ehren-Bären für sein Lebenswerk ausgezeichnet worden.

Zur Erklärung der komplexen Ausgangssituation von „Jimmy’s Hall“ behelfen sich Ken Loach und sein langjähriger Drehbuchautor Paul Laverty mit Textinserts über die Veränderung der politischen Situation in Irland nach dem anglo-irischen Krieg. Jimmy Gralton (Barry Ward) musste damals nach Amerika fliehen. Die Großgrundbesitzer und die Kirche haben mit der Unterstützung des konservativen Flügels der Irisch-Republikanischen Armee die Macht in der jungen Republik übernommen.

Als der sozialistische Aktivist Gralton nach seinem zehnjährigem Exil zurückkehrt, möchte er eigentlich nur seine verwitwete Mutter nach dem Tod des Bruders bei der Bewirtschaftung des kleinen Bauernhofs unterstützen. Für den Rückzug in das Privatleben erntet Gralton von der frechen Landjugend nur Hohn, denn in den Erzählungen der Erwachsenen ist der Heimkehrer zu einer mythischen Figur geworden, die von den Engländern und den Iren gleichermaßen gefürchtet und verfolgt wurde. Angesichts der Verelendung der Menschen muss Gralton nicht lange aufgestachelt werden, um die von ihm betriebene, nach zwei ermordeten Gewerkschaftsführern benannte und von den Engländern zerstörte „Pearse-Connolly-Hall“ neu aufzubauen. Dabei handelt es sich um eine bescheidene Scheune, in der Jugendliche und Erwachsene in Poesie, Musik und Solidarität unterrichtet werden. Am Wochenende treibt jedoch der „Antichrist” in der Baracke sein Unwesen. Die Menschen aus der Umgebung scheuen keine Mühe, um zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu Graltons Tanzveranstaltung mit irischer Volksmusik und neuen Rhythmen aus Amerika kommen zu können. Pfarrer Sheridan (Jim Norton) stellt sich vor dem Schuppen auf, um am Sonntag in der Kirche die Liste der Sünder verlesen zu können. Dabei gibt es nichts zu lachen, denn die Genannten haben mit Arbeitslosigkeit und Hunger zu rechnen. Das Angebot Graltons, die Aufsicht über das sündige Etablissement zu übernehmen, möchte Father Sheridan aber nur akzeptieren, wenn auch das dazugehörige Grundstück auf die Kirche überschrieben wird. Dabei ist der Priester in der unheilvollen Koalition der Ausbeuter und Unterdrücker noch derjenige, der für Graltons Haltung Respekt aufbringt, aber auch die Ausweisung des Aktivisten betreibt. Wegen seiner US-Staatsbürgerschaft konnte Gralton als „feindlicher Ausländer“ behandelt werden. Vergleichsweise versöhnlich inszeniert Ken Loach Graltons Ausweisung und verweist zugleich auf den eigenen Abschied und die Macht der Bilder, die in Erinnerung bleiben.


Kommentieren


Schlagworte