Ukraine-Krise könnte Chance für Lettlands Integrationspolitik sein

Riga/Kiew/Moskau (APA) - „Nostalgija“ - das russische Lokal im Zentrum der lettischen Hauptstadt Riga hält, was es verspricht: Nostalgie. Hi...

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Riga/Kiew/Moskau (APA) - „Nostalgija“ - das russische Lokal im Zentrum der lettischen Hauptstadt Riga hält, was es verspricht: Nostalgie. Hier schwelgen Russen mitten im Baltikum im schicken Sowjet-Flair in Erinnerungen. Letten sieht man hier kaum. Die Gesellschaft des Balten-Landes ist gespalten. Aber die Ukraine-Krise könnte ein Weckruf für mehr Integration sein.

Das Ambiente im „Nostalgija“, das vor Kurzem in „AmPir“ umbenannt wurde, erinnert an einen barocken Ballsaal: prunkvolles Interieur, ausladende Dekoration, beeindruckende Deckenbemalung. In dem Gebäude war früher eine russische Firma untergebracht - ein Textilunternehmen oder eine Schneiderei soll es gewesen sein, meint der Kellner Janis. Früher, das war in der Zeit der russischen Besatzung. Zweimal wurde Lettland von Russland beherrscht, erst 1990 wurde es unabhängig. In den ersten Jahren der Okkupation wurden viele Letten verschleppt und in russische Arbeitslager gebracht, andere getötet.

Letten erinnern sich deshalb an die Zeit der Besatzung nicht gerne zurück. Durch den Konflikt in der Ukraine werden nun aber so manche Wunden wieder aufgerissen. Groß ist die Angst vor einem Szenario ähnlich wie auf der Halbinsel Krim, die im März von Russland annektiert wurde.

Tatsächlich ist für Lettland, ähnlich wie auf der Krim oder im Osten der Ukraine, die Integration der starken russischen Minderheit (derzeit rund 27 Prozent) eine Herausforderung. Janis bekommt dies manchmal am eigenen Leib zu spüren, wie er erzählt. In der Schule beispielsweise habe man ihm das Gefühl gegeben, dass Russisch eine „zweitklassige, schlechte Sprache“ sei.

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Aussagen mancher Politiker verstärken diese Ressentiments von Letten gegenüber Russen. Von der russischsprachigen Bevölkerung gehe „weiterhin eine große Bedrohung für Lettland“ aus - vor allem jetzt, wo durch die Ukraine-Krise der Einfluss Russlands in dem kleinen baltischen Land auch international wieder Thema ist, beschreibt Juris Karlsons, Präsident des „Klubs der Deklaration des 4. Mai“ und früherer Parlamentarier die vorherrschende Skepsis. Die „Fünfte Kolonne“ sei sehr stark in Lettland. „Es ist nicht Krieg, es ist Terrorismus von innen“, betont der 68-Jährige im Gespräch mit der APA.

Dabei könnte die Ukraine-Krise als „Weckruf“ für Lettland agieren, wie es Anhelita Kamenska vom Lettischen Institut für Menschenrechte formuliert. „Sie sollte als Weckruf für die Herausforderungen, mit denen Lettland konfrontiert ist und mit denen sich das Land noch auseinandersetzen muss, gesehen werden“, fordert Kamenska. Der Konflikt zeige jedenfalls die „Verletzlichkeit“ Lettlands. Gerade deshalb ergebe sich dadurch eine Chance für bessere Integration der russischsprachigen Bevölkerung, so Kamenska. Die Politik müsse dafür aber „inklusiver“ agieren, die Gesellschaft besser repräsentieren.

Auch Karlsons kann der Ukraine-Krise etwas Positives abgewinnen. „Eigentlich können wir (Russlands Präsident Waldimir) Putin dankbar sein, weil uns seine Handlungen auch helfen, Russen in Lettland zu integrieren“. Ethnische Russen würden sich wegen des „aggressiven Verhaltens“ Moskaus zunehmend an lettischen Werten orientieren. Und auch Elizabete Krivcova, Aktivistin für die Rechte russischer Bürger in Lettland meint, dass es gerade jetzt wichtig sei, Russen zu integrieren, um mögliche Abspaltungstendenzen im Keim zu ersticken.

Die oft herbeigewünschte „Einheit“ von ethnischen Russen und Letten - im „Nostalgija“ ist sie noch lange nicht Realität. Heute kommen überwiegend Russischstämmige - in Riga sind sie in der Mehrheit - oder Touristen in das Lokal in der Rigaer Altstadt. Die meisten Gäste suchen hier Ablenkung, politisiert wird nicht gerne. Eine Runde russischsprachiger Männer unter den Revolutionsgemälden will die Frage nach einer Meinung zur Ukraine-Krise und der Politik Putins nicht beantworten und winkt ab.

Bei all den Klischees, die das Restaurant im Retro-Sowjet-Look erfüllt, ein Hauch Lettland ist auch im „Nostalgija“ zu spüren. „Der Koch empfiehlt lettische Küche“, steht in der Speisekarte. Vielleicht wird das geschichtsträchtige Haus doch irgendwann Treffpunkt zwischen den beiden lettischen Bevölkerungsgruppen.


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