Opernintendant Bachler: „Mut ist das Wichtigste in unserem Beruf“

München (APA/dpa) - Seit sechs Jahren ist der Österreicher Nikolaus Bachler (63) Intendant der Bayerischen Staatsoper in München, jetzt hat ...

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München (APA/dpa) - Seit sechs Jahren ist der Österreicher Nikolaus Bachler (63) Intendant der Bayerischen Staatsoper in München, jetzt hat sein Haus zum ersten Mal den Titel „Opernhaus des Jahres“ bekommen. Das sei auch eine Anerkennung für Mut und Risikobereitschaft, sagte Bachler in einem Interview der Nachrichtenagentur dpa - und natürlich für Generalmusikdirektor Kirill Petrenko.

Frage: Sie haben in einer ersten Stellungnahme gesagt, die Auszeichnung als „Opernhaus des Jahres“ sei der Lohn für eine „konsequente Haltung“. Welche ist das?

Antwort: Ich hoffe, die sieht man. Ich und alle, die hier arbeiten, sind der Meinung, dass das Theater eine gesellschaftliche Funktion hat. Wir befragen die Werke darauf, was sie den Menschen heute sagen. Jeder Abend hat eine Botschaft zu haben und die ist zutiefst dem Menschen und der Humanität verpflichtet.

Frage: Die Kritiker der „Opernwelt“ schreiben den Erfolg in erster Linie Ihrem Generalmusikdirektor Kirill Petrenko zu, der seit der vergangenen Saison in München ist. Zu Recht?

Antwort: Ja selbstverständlich, ganz zu Recht. Kirill Petrenko gibt dem Haus ein musikalisch-geistiges Zentrum und ein Maß. Ein großes Haus braucht ein Maß, einen Parameter, einen Qualitäts- und Interpretationsanspruch, der der Standard ist und an dem sich alles misst.

Frage: Nach dem Abschied von Petrenkos Vorgänger Kent Nagano gab es kritische Stimmen, die Opernkritiker erklärten die Personalpolitik an der Münchner Oper damals zum „Ärgernis des Jahres“. Jetzt sieht es ganz anders aus. Freuen Sie sich, dass sie damals anscheinend doch alles richtig gemacht haben?

Antwort: In meiner Arbeit hat Genugtuung oder so etwas keinen Platz. Das viel Wichtigere ist, was jetzt hier stattfindet.

Frage: Was kann denn jetzt noch kommen? Was haben Sie als „Opernhaus des Jahres“ noch vor?

Antwort: Das Schöne und das Schwierige am Theater ist, dass es keinen Besitzstand gibt. Nach jedem Fallen des Vorhangs werden die Karten neu gemischt und es gibt nichts, worauf man sich ausruhen kann. Auf der anderen Seite ist eine solche Bestätigung natürlich eine Antwort von draußen auf unser Tun, die uns bestärkt und mutig macht. Der Mut ist das Wichtigste in unserem Beruf, der Mut, Risiken einzugehen, neue Wege zu gehen, Experimente zu machen. Die Anerkennung ist eine schöne Voraussetzung, die Räume zu nutzen, die wir aufgemacht haben. Es geht darum, die Menschen aus ihrem Alltag herauszureißen.

Frage: Haben Sie das Gefühl, dass genau das auch über das klassische Münchner Opernpublikum, ein vielleicht etwas älteres, gut betuchtes Publikum, hinaus funktioniert?

Antwort: Das ist ein Klischee. In realita haben wir mit das am breitesten gestreute Publikum, das man sich nur vorstellen kann. Und das hat auch mit der Arbeit zu tun, die hier geleistet wurde und geleistet wird. Die Oper ist hier Stadtgespräch und ich glaube an die Stellvertreter-Wirkung. Wenn jemand durch einen Theaterabend berührt wird, trägt er das hinaus in seine Lebenswelt. Dadurch ist die Wirkung nicht nur auf die 2000 Zuschauer beschränkt. Wir bewegen uns nicht nur in einem bildungsbürgerlichen Raum und machen ja auch viele Dinge, die nicht direkt mit Oper zu tun haben. Ich glaube, dass wir ein öffentlicher Ort des Diskurses sind. Das Zentrum sind die Oper und die Musik, aber es geht weit darüber hinaus.

Frage: Können Sie die zusätzliche Aufmerksamkeit für das „Zentrum“ überhaupt gebrauchen? Die Opernabende sind doch ohnehin schon so gut wie immer ausgebucht...

Antwort: Die Auslastung ist ja nicht das Wesentliche. Das Wesentliche ist, dass wir für den Besucherzustrom keine Kompromisse machen müssen. Richtig ist es, dass man ein ausverkauftes Haus hat durch das, von dem man überzeugt ist, und nicht andersrum. Man darf nicht Dinge tun, um ein ausverkauftes Haus zu haben. Es ist fast eine logische Folge, dass man Gehör findet, wenn man etwas zu sagen hat.

ZUR PERSON: Der Österreicher Nikolaus Bachler ist seit 2008 Intendant der Bayerischen Staatsoper in München, sein Vertrag läuft noch bis 2018. Bevor er nach München wechselte, hatte der in der Steiermark geborene Theatermacher das Wiener Burgtheater geführt. Als er sich für Bayern entschied, habe er auch mit San Francisco verhandelt, sagte er einmal. Er habe aber nie bereut, sich für München entschieden zu haben.

(Das Gespräch führte Britta Schultejans/dpa)


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