„3000 Euro“ von Thomas Melle: Roman über eine Supermarkt-Liebe

Berlin (APA/dpa) - 3000 Euro - um diese Summe dreht sich alles in Thomas Melles gleichnamigem Roman. Es ist die Geschichte über die Sehnsuch...

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Berlin (APA/dpa) - 3000 Euro - um diese Summe dreht sich alles in Thomas Melles gleichnamigem Roman. Es ist die Geschichte über die Sehnsucht nach „3000 Euro“. Der 1975 geborene Autor hat es mit seinem dritten Buch auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft.

Denise, eine Kassiererin mit Kind, die nebenher als Pornodarstellerin jobbt, wartet auf ihren Lohn für ein gedrehtes Sex-Filmchen. Anton, ein abgestürzter Ex-Jura-Student, schuldet dagegen diversen Gläubigern selbst eine vierstellige Summe Geld und schlittert der Privatinsolvenz entgegen. Der Autor führt die Wege der beiden Protagonisten am unteren Rand der Gesellschaft zusammen. Alles endet in einem Techtelmechtel, eine richtige Beziehung aber wird es nie.

Wieder zeichnet sich Melle mit feinsinnigen und intensiven Beschreibungen und Beobachtungen aus. Das Gefühl des Dahindösens und Träumens; den Humor von Harald Schmidt, dessen alte Videos sich Anton immer wieder anschaut; die Panikattacken von Denise, wenn sie an der Supermarktkasse fürchtet, von einem Pornoseiten-Besucher erkannt zu werden - all jenes schildert Melle in seitenlanger Detailtreue und Nähe. Wohl selten wurde die Froschperspektive einer Kassiererin, wenn die meisten Kunden geradezu auf sie herabschauen, so gut beschrieben.

Die Angst von Denise, an der Kasse sitzend als Porno-Sternchen erkannt zu werden, wird plastisch greifbar: Die Blicke der männlichen Supermarkt-Kunden „streifen ihren Lidschatten, tasten ihren Mund ab, bleiben an ihrem Piercing hängen, verbeißen sich in ihrem Auge (...), fahren über ihre Schenkel und Brüste und Bauch und Hals“, beschreibt Melle präzise und nuancensicher.

Dann schweift der Autor ab, beleuchtet die Geschichte seiner Protagonisten, ihre Gedanken - um den Leser nach ein paar Durchschnauf-Sätzen direkt wieder zu fesseln. Eine große Stärke Melles ist sein rhythmisch variabler, farbiger Erzählstil: Der Bonner Autor fährt mit seinem Erzähltempo immer wieder hoch, kappt dann ab, fährt runter und zieht erneut an. Die Empfindungen aus dem Achterbahnleben seiner Protagonisten sind so leicht nachzuempfinden.

„Sie hat Elefantenhaut im Dekolleté und ein feines Nest aus geplatzten Äderchen an den Nasenflügeln“, lässt er Denise eine Kundin beschreiben. Als Leser bekommt man das Gefühl, mit einer Lupe in der Hand danebenzustehen. Allerdings wirkt die gut 200 Seiten starke Geschichte von der Kassiererin, die sich in den gescheiterten und Pfandflaschen-sammelnden Anton verguckt, doch arg sozialkitschig. Denise träumt - wie könnte es anders sein - von einer Reise nach New York, Anton schwelgt ständig in Erinnerungen an bessere Zeiten.

In seinen Schilderungen über das verschuldete Paar in prekärer Lage, das einen Ausweg aus seinem Dasein sucht, driftet der in Berlin lebende Autor zu oft in einen klagend-empörten Erzählstil ab: „Welche Gesellschaft lässt einen derartigen Verfall zu?“, fragt er. Zu deutlich merkt man hier, dass die Wut Melles persönlich auf die Abwärtsspirale der Gesellschaft fast größer sein muss als die seiner Protagonisten.

Der Feind ist für Denise und Anton die kommerzorientierte Außenwelt. Speziell bei Anton artet das aus: Er versinkt in Selbstmitleid, erscheint ständig zwischen nüchterner Realität und Verdrängung, Rausch und Depression, Talent und Dummheit. Der Leser bekommt den Luftikus schwer zu fassen, eine Entwicklung wird nicht sichtbar.

(S E R V I C E - Thomas Melle: „3000 Euro“, Rowohlt Berlin, 208 S. 19,50 Euro)


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