Poetisch: Gertrud Leuteneggers Roman „Panischer Frühling“

Berlin (APA/dpa) - Im April 2010 befand sich Europa in einer Art Ausnahmezustand. Ein Vulkan in Island überzog den Kontinent mit einer Asche...

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Berlin (APA/dpa) - Im April 2010 befand sich Europa in einer Art Ausnahmezustand. Ein Vulkan in Island überzog den Kontinent mit einer Aschewolke und legte den Flugverkehr lahm. Es passierten seltsame Dinge in jener Zeit. „England war wieder ein Inselreich“, schreibt Gertrud Leutenegger in ihrem Roman „Panischer Frühling“, in dem sie schildert, was geschieht, wenn die Welt für einige Zeit stillzustehen scheint.

Der Mensch ist plötzlich auf sich selbst und seine Sinne zurückgeworfen. Die Ich-Erzählerin, eine nicht mehr ganz junge Frau, streift ruhelos durch London. Der blankgeputzte blaue Himmel über der Millionenstadt steht in seltsamem Kontrast zu den apokalyptischen Bildern des Lava speienden Vulkans aus dem Fernseher: „Alle Geräusche der erwachten Stadt drängten ungehindert und geradezu triumphierend in die Leere empor.“ Und während die Frau den Himmel über London noch nach möglichen Aschepartikeln absucht, bedrängen sie Bilder aus ihrer Kindheit. Sie erinnert sich an den Aschermittwoch, als sie in der Kirche das Aschekreuz auf der Stirn empfing und dann kerzengerade schlief, damit die grauen Partikel in der Nacht nicht auf das weiße Kissen fielen.

Die Gezeiten der Themse - Low Water, High Water - strukturieren diesen Roman, bei dem die Strömungen des Flusses immer wieder Erinnerungsbilder einer fernen Vergangenheit nach oben spülen. Zum Beispiel Szenen aus den Sommerferien im Pfarrhof des Onkels, eines Hauses mit geheimnisvollen Zimmern wie dem grünen Waldzimmer, dem roten Saal oder dem blauen Kabinett. All diese Räume scheinen von seltsamen Geräuschen, Rascheln, Wispern und umherziehenden Gespenstern erfüllt zu sein.

Es geschieht nicht viel in diesem knappen Roman der 65-jährigen Schweizer Autorin, in dem es ganz um das Innenleben der Ich-Erzählerin geht. Irgendwann trifft sie an der London Bridge den Zeitungsverkäufer Jonathan. Sie fühlt sich seltsam angezogen von dem Mann, dessen eine Gesichtshälfte von einem hässlichen Feuermal entstellt ist. Jonathans Erzählungen über seine Kindheit in Cornwall und seine geliebte Großmutter, die die Friedhöfe nach Ertrunkenen abzusuchen pflegte, vermischen sich mit ihren eigenen Erinnerungen, Träumen und Assoziationen.

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Der Titel „Panischer Frühling“ setzt eine falsche Fährte. Denn panisch ist höchstens der Hintergrund, vor dem sich diese stille, poetische Geschichte abspielt. Die Panik der Außenwelt führt zu einer nie gekannten inneren Ruhe und schärft die Sinne. Diese Innerlichkeit schildert Leutenegger in einer bewundernswert differenzierten Sprache, in expressiven Bildern, bei denen jede Schattierung stimmt. „Panischer Frühling“ ist sowohl für den deutschen als auch für den Schweizer Buchpreis nominiert.

(S E R V I C E - Gertrud Leutenegger: „Panischer Frühling“, Suhrkamp Verlag, 222 S., 20,60 Euro)


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