Zwischen Traum und Trauma

Der Tiroler Autor und Musiker Hans Platzgumer stellt seinen neuen Roman „Korridorwelt“ heute in Innsbruck vor.

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Die Installation „Klangkubus“ von Hans Platzgumer und Richard Schwarz ermöglicht es, den Raum wie ein Instrument zu spielen.
© Scharz

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Donald Rumsfelds beleidigter Sager vom „Old Europe“ kommt einem bei der Lektüre von Hans Platzgumers neuem Roman immer wieder in den Sinn. Nicht etwa, weil „Korridorwelt“ vom US-Feldzug im Irak handeln würde oder einen Paradigmenwechsel der amerikanischen Außenpolitik erörtert, sondern weil Platzgumers Protagonist, er heißt Julian Ogden, darauf aus ist, den verkopften Ballast des alten Europas loszuwerden – um jene „unbegrenzten Möglichkeiten“ auszuleben, die Amerikas vereinte Staaten permanent behaupten. Julians Sehnsucht nach der vagen Freiheit in den vermeintlich geschichtslosen Weiten des Westens ist einer der Motoren des Buches, das der Innsbrucker Autor heute Abend erstmals in seiner Heimatstadt präsentiert. Dass diese Sehnsucht der Versuch ist, einem tiefsitzenden Trauma Herr zu werden, soll an dieser Stelle der Spannung wegen aber nicht näher ausgeführt werden.

Also nur so viel: Mit Mitte zwanzig findet Julians Flucht gen Westen, die knapp sechs Jahre davor in Linz begann, in Los Angeles ein vorläufiges Ende. Er hat sich eingerichtet, lebt als illegaler Einwanderer von der Hand in den Mund und den Münzen im Gitarrenkoffer. Dann – wir schreiben den 17. Jänner 1994 kurz vor halb fünf Uhr morgens – bebt die Erde. Und wie sie bebt: 57 Menschen starben beim Northridge-Erdbeben. Julian überlebt unbeschadet, aber „the big one“ – wie das Beben schnell genannt wird – treibt den jungen Mann zurück ins „Korridorleben des Nomaden“. Erst Jahre später, am äußersten Ende der Welt in der chilenischen Atacama-Wüste, dämmert Julian, dass man vor manchen dringlichen Fragen nicht ewig weglaufen kann – und mitunter auch ein hingeraunztes „Blowing in the Wind“ nicht weiterhilft.

„Korridorwelt“ funktioniert – ganz plump gesprochen – nach den Regeln des Roadmovies. Und wie jedes gute Roadmovie ist auch Platzgumers Roman die Geschichte einer Selbstfindung. Darüber hinaus aber ist der geschickt mit drei Zeitebenen spielende Text eine scharfe Abrechnung mit im Grunde substanzlosen Hirngespinsten. Egal, ob es sich nun um den „Amerikanischen Traum“ handelt, die leeren Heilsversprechen der Konsumkultur oder die häufig anzutreffende Ansicht, dass früher, in den 1960ern zum Beispiel, bessere Musik gemacht wurde.

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