Sorge vor Deflation verschärft sich vor EZB-Sitzung

Frankfurt (APA/Reuters) - Die Sorge vor einer Deflation in der Eurozone hat sich vor der mit Spannung erwarteten Zinssitzung der EZB verstär...

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Frankfurt (APA/Reuters) - Die Sorge vor einer Deflation in der Eurozone hat sich vor der mit Spannung erwarteten Zinssitzung der EZB verstärkt. Die Preise stiegen im Währungsraum im September nur noch um 0,3 Prozent, wie das europäische Statistikamt am Dienstag mitteilte. Das ist der niedrigste Wert seit knapp fünf Jahren und „nicht mehr weit weg von der Null“, wie Thomas Gitzel von der VP Bank betonte.

Grund dafür waren vor allem fallende Energiepreise. Im August lag die Teuerungsrate noch bei 0,4 Prozent.

Nun rückt für die Währungshüter das Schreckensszenario einer Deflation näher: auf breiter Front fallende Preise, die den Konsum und Investitionen lähmen und den ohnehin stotternden Konjunkturmotor abzuwürgen drohen. Am Donnerstag will EZB-Chef Mario Draghi auf der auswärtigen Ratssitzung in Neapel Details nennen, wie die Zentralbank die Wirtschaft anzukurbeln gedenkt. Bereits schießen Spekulationen ins Kraut, dass Draghi die letzten Register im Kampf gegen die Krise ziehen und am Ende auch Staatsanleihen kaufen wird.

Die Europäische Zentralbank (EZB) will ab Oktober den Banken zunächst in großem Stil Pfandbriefe und Kreditverbriefungen, sogenannte Asset Backed Securities (ABS), abkaufen. Während Pfandbriefe als weitgehend solide Anlage gelten, packt die EZB mit den Kreditverbriefungen ein heißes Eisen an: Diese Papiere galten in den USA wegen ihrer mangelnden Transparenz als ein Auslöser der Finanzkrise von 2007/08, die letztlich die gesamte Welt erfasste.

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Mit ABS können Banken Kredit-Risiken bündeln, aus ihren Bilanzen auslagern und am Markt damit handeln. Wenn die EZB bei diesen Papieren zugreife, drohe sie zur „zentralen Bad Bank der Eurozone“ zu werden, warnte jüngst der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Martin Wansleben. Letztlich werde der Steuerzahler für die schlimmsten Risiken aufkommen müssen. Auch die Deutsche Bundesbank und der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble sehen die Käufe skeptisch.

Der CDU-Politiker befürchtet, dass die EZB als künftige Bankenaufseherin in einen Interessenkonflikt geraten könnte, falls Geldpolitik und Regulierung nicht strikt getrennt würden. Auf diese und andere drängende Fragen muss Draghi auf der Pressekonferenz in seinem Heimatland eine schlüssige Antwort finden.

Zugleich wird er Farbe bekennen müssen, wie weit die EZB bei den Käufen ins Risiko gehen will. Zunächst sollen als relativ sicher geltende ABS-Teile, sogenannte Senior-Tranchen, erworben werden. Später könnten auch die mit weit größeren Risiken behafteten Teile folgen, die im Fachjargon Mezzanine heißen. Nach Reuters-Informationen sahen die ursprünglichen Planungen vor, dass die EZB für die Wertpapierankäufe rund 500 Mrd. Euro in die Hand nehmen wollte. Draghi hatte die Regierungen der Euro-Ländern zuletzt allerdings vergeblich dazu aufgefordert, die Mezzanine-Tranchen der ABS-Papiere zu garantieren, um potenzielle Risiken für die EZB zu begrenzen. Die Politik zeigte ihm die kalte Schulter: Deutschland und Frankreich lehnten ab.

Die Sorgen der EZB dürften mit den sinkenden Inflationsraten nun noch zunehmen: Sie spricht nur bei Werten von knapp unter zwei Prozent von stabilen Preisen und verfehlt ihr mit Abstand wichtigstes Ziel bereits seit geraumer Zeit deutlich. „Deflation bleibt eine ernste Gefahr“, sagte Ökonomin Jennifer McKeown vom Beratungshaus Capital Economics.

Auch die Banken spielten bei den jüngsten Geldspritzen der EZB nicht so mit, wie es sich die Zentralbank vorgestellt hatte. Die EZB erwartet allerdings eine anziehende Nachfrage. Bei der nächsten Finanzsalve im Dezember und sechs nachfolgenden Operationen bis Juni 2016 würden die Banken voraussichtlich stärker zugreifen, sagte EZB-Direktor Benoit Coeure jüngst.

Die Nachfrage nach der ersten - im Fachjargon TLTRO genannten - Kreditlinie war im September eher verhalten ausgefallen: 255 Banken besorgten sich lediglich 82,5 Mrd. Euro bei der Notenbank. VP-Ökonom Gitzel erwartet, dass die Währungshüter die Geldschleusen offen halten. Der Kauf von ABS und Pfandbriefen werde vermutlich nicht ausreichen, zumal Draghi den Leitzins mit 0,05 Prozent bereits nahe der Null-Linie hält und faktisch nicht mehr weiter senken kann. „Ein großvolumiges Wertpapieraufkaufprogramm bleibt eine ernstzunehmende Option im kommenden Jahr.“ Das sieht auch Christoph Weil von der Commerzbank ähnlich: „Der EZB kann die Aussicht auf eine für längere Zeit sehr niedrige Inflationsrate kaum gefallen. Am Ende dürfte sie in großem Umfang Staatsanleihen kaufen.“

~ WEB http://www.ecb.int ~ APA419 2014-09-30/14:40


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