Traumtour für Durchbeißer

Haben Sie Ihren Akku aufgeladen, sind Sie topmotiviert? Dann ist die lange Bergwanderung von Scharnitz auf die Pleisenspitze genau das Richtige. 1600 Höhenmeter sind zu erobern.

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Ein Stück Glückseligkeit auf der Pleisenspitze im Karwendel.
© Schramek

Von Markus Schramek

Scharnitz –Versprochen ist versprochen. Daran ist nicht zu rütteln. Der Sohn, erst zwölf, will unbedingt hinauf auf die Pleisenspitze im Karwendel. Er hat Fotos im Internet gesehen, Tourberichte gelesen, und er weiß: „Ganz genau meine Kragenweite.“ 1600 Höhenmeter, 7 bis 8 Stunden anstrengender Marsch. Schon beim Gedanken daran fängt der alte Herr zu schwitzen an. Doch Ausreden gibt es nicht mehr. Das Wetter ist herbstlich prächtig, die Luft klar, der Tag jung.

Info zur Tour

Ausgangspunkt. Scharnitz. Von Innsbruck kommend, gleich nach der Kirche rechts von der B 177 abbiegen, hier gibt es drei Parkplätze für Besucher der Karwendeltäler. Tagesgebühr sechs Euro. Zwei Euro werden bei Einkäufen in Scharnitzer Betrieben rückvergütet.

Ziel. Die Pleisenspitze (2569 m) im Hinterautal. 1600 Höhenmeter ab Scharnitz. Aufstieg 4,5 Stunden, Abstieg 3 bis 3,5 Stunden.

Anforderungen. Der Steig ist gut markiert und unschwierig. Trittsicherheit ist aber erforderlich und vor allem gute Kondition.

Einkehr. Die Pleisenhütte (1757 m) ist noch bis 12. Oktober täglich geöffnet. Danach immer am Wochenende mit Ausnahme der Zeit von 24.10. bis 2.11. Hüttenwirt Siggi Gaugg ist unter 0664-915 87 92 mobil erreichbar.

Los geht es beim Parkplatz in Scharnitz (964 Meter). Hier muss der ältere der beiden Bergwanderer gleich noch einmal schlucken: Sechs Euro beträgt die Parkgebühr für Bergfexen, die mit dem Auto in den Grenzort kommen, um sich von dort per Mountainbike oder per pedes in eines der Karwendeltäler zu verfügen. Sechs Euro sind stattlich, zwei davon bekommt vergütet, wer in gekennzeichneten Betrieben im Ort einkauft.

In der Ferne grüßt schon die Pleisenspitze. In sehr sehr weiter Ferne muss man sagen. Denn der Weg ist lang. Doch Zweifel daran, ob wir uns nicht zu viel vorgenommen haben, lässt der Filius gar nicht erst aufkommen. Er marschiert voraus ins Hinterautal, zunächst der asphaltierten Straße folgend.

Wir überqueren die Karwendelbrücke und biegen knapp vor dem Gasthof Wiesenhof ab in Richtung Pleisenhütte (gelbes Schild). Besagte Hütte in 1757 Metern Seehöhe erreichen wir auf einem Gemisch aus Forstwegen und Abkürzungen nach knapp mehr als zwei Stunden. Ab und zu kämpfen sich Mountainbiker an uns vorbei. Sie kürzen die Tour ab, indem sie bis zur Pleisenhütte radeln. Besonders im letzten Abschnitt ist aber auch das ganz schön schweißtreibend.

Die privat geführte Pleisenhütte, von Toni Gaugg, einer Karwendellegende, in den 60er-Jahren erbaut, nimmt gerade ein Vollbad in der Vormittagssonne. Jetzt heißt es stark sein. Denn an der Terrasse mit dem fantastischen Bergpanorama kommt niemand vorbei – ganz im Wortsinne. Der Weg zur Pleisenspitze führt nämlich quer über die Terrasse. Darauf weist ein schelmischer Wegweiser vor der Hütte hin, auf dem zu lesen steht: „Pleisenspitze – Terrasse mautfrei!“

Also rauf mit den Scheuklappen, um nicht schon jetzt dem inneren Schweinehund nachzugeben. Andere Touren mögen nach 800 Höhenmetern schon am höchsten Punkt angekommen sein; in unserem Fall haben wir bestenfalls eine Zwischenetappe erreicht. Denn nach der Hütte wird der Steig in Richtung Gipfel anspruchsvoller. Bald wird die Waldzone verlassen, an einer Weggabelung biegen wir steil nach links ab (rechts führt der Toni-Gaugg-Höhenweg zum Karwendelhaus).

Steil, das bleibt nun für lange Zeit das passende Attribut. Zunehmend schottrig und schrofig wird der Steig. Auf dem stets satten Anstieg müssen wir einen Gang zurückschalten, immer wieder zur Wasserflasche greifen, Verschnaufpausen einlegen.

In schier endlosen Serpentinen führt der gut erkennbare Weg auf den breiten Rücken der Pleisenspitze, folgt dem natürlichen Gelände. Hindernisse wurden nicht aus dem Weg geräumt, sondern werden überstiegen, manchmal überkraxelt oder umgangen. Hier gibt es nur eine Devise: „Durchbeißen!“

So geht es weiter gipfelwärts. Immer ist gutes Steigen gefragt, Trittsicherheit auf dem grob steinigen, felsigen Untergrund. Wenn es nass ist, sollte man diese Tour wegen erhöhter Rutschgefahr eher nicht in Angriff nehmen.

Lange schon haben wir das Gipfelkreuz im Visier. Endlich wird der Bergrücken etwas schmäler. Über einige letzte Felsen erreichen wir schließlich die Pleisenspitze (2569 m) und dürfen uns sattsehen: 360 Grad Rundumschau mit Gipfeln der bayerischen Alpen bis hin zu den Riesen der Stubaier und der Hohen Tauern. Birkkarspitze und Hoher Gleirsch sind zum Greifen nah, weiter westlich erheben sich die Hohe Munde und das Wettersteingebirge.

Hier lässt es sich aushalten. Doch die Erinnerung an Familie Gauggs Sonnenterrasse lockt. Auf ihr kehren wir auf dem Rückweg (identisch mit dem Hinweg) ein. Siggi Gaugg, Sohn des Erbauers, bewirtet uns freundlich und hat manche Anekdote parat.

Und mein eigener Sohn? Der lächelt zufrieden. Mit gutem Grund: Er hat uns mit seinem Vorschlag ein unvergessliches Bergerlebnis beschert.


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