Anton-Wildgans-Preis an Norbert Gstrein verliehen

Wien (APA) - Der Schriftsteller Norbert Gstrein (53) hat heute, Dienstag, Abend den Anton-Wildgans-Preis 2013 der Österreichischen Industrie...

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Wien (APA) - Der Schriftsteller Norbert Gstrein (53) hat heute, Dienstag, Abend den Anton-Wildgans-Preis 2013 der Österreichischen Industrie erhalten. Der Generalsekretär der Industriellenvereinigung, Christoph Neumayer, überreichte die seit 1962 jeweils von einer unabhängigen Jury vergebene und mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung im Wiener Haus der Industrie.

Der deutsche Schriftsteller Karl-Heinz Ott verwies in seiner Laudatio darauf, dass Gstreins Sprache von William Faulkner und von Claude Simon beeinflusst sei, und befasste sich eingehend mit dem „Rashomon-Effekt“ in seinen Büchern, in denen die Dinge in Schwebe blieben und alle scheinbare Klarheiten verunklart würden: „Beim Lesen stellt sich beinahe ein Schwindel ein“, so Ott. „Wir erleben bei Gstrein nie, dass die Wahrheit eine Angelegenheit des Singulars ist.“ Man befinde sich als Leser nie auf festem Boden, „es geht aber um weit mehr als bloß ein paar Rätselhaftigkeiten, die den Leser bei Laune halten sollen“.

Gstrein befasste sich in seiner Dankesrede mit menschlicher und künstlicher Intelligenz, Kommunikation und Verstehen im Computerzeitalter. Er streifte dabei das künstliche Dialogsystem Eugene Goostman, das seine menschlichen Chatpartner zu täuschen versteht, ebenso wie den Film „Her“ von Spike Jonze, in dem sich die Hauptfigur in die Stimme seines Computers verliebt, und den jüngst in deutscher Übersetzung erschienenen Roman „The Circle“ von Dave Eggers, der eine total vernetzte und überwachte Gesellschaft beschreibt. Offenbar hege man die Hoffnung, dass die Quantität der Daten irgendwann einmal in Qualität umschlagen werde, meinte Gstrein, der auf eine riesige Online-Bibliothek von Amazon verwies: „Was machen Sie mit 600.000 frei verfügbaren Büchern?“ Und: „Wie viele Daten brauchen Sie um zu wissen, dass Sie Sie sind?“ Gstrein stellte die Frage in den Raum, ob das Gegenteil einer Auflösung in unendliche Datenmengen nicht eine Rückbesinnung auf einzelne Geschichten wäre.

Norbert Gstrein, geboren am 3. Juni 1961 in Mils bei Imst in Tirol, lebt heute mit seiner Familie in Hamburg. Er studierte Mathematik an der Universität Innsbruck und schloss 1988 seine Dissertation „Zur Logik der Fragen“ ab. Im gleichen Jahr erschien mit der Erzählung „Einer“ auch sein literarisches Debüt, dem bis heute mehrere Romane, wie unter anderem „Das Register“ (1992), „Die englischen Jahre“ (1999) und „Die ganze Wahrheit“ (2010) folgten. Zuletzt erschien „Eine Ahnung vom Anfang“ (2013). Gstrein erhielt zahlreiche Auszeichnungen wie den Ingeborg-Bachmann-Preis 1989, den Berliner Literaturpreis 1994 oder den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2001.

Der Anton-Wildgans-Preis geht jährlich an eine österreichische Schriftstellerin oder einen österreichischen Schriftsteller der jüngeren oder mittleren Generation, deren bzw. dessen „Schaffen die abschließende Krönung noch erwarten lässt“. Unter den Preisträgern befinden sich Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard, Michael Köhlmeier, Arno Geiger, Barbara Neuwirth, Sabine Gruber und Olga Flor.

~ WEB http://www.iv-net.at/ ~ APA606 2014-09-30/19:36


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