„Khorasan“-Gruppe wirft für Experten zahlreiche Fragen auf

Wien (APA) - Als „Phantom mit realem Kern“ bezeichnet der Islamwissenschafter und Jihadismusexperte Rüdiger Lohlker von der Universität Wien...

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Wien (APA) - Als „Phantom mit realem Kern“ bezeichnet der Islamwissenschafter und Jihadismusexperte Rüdiger Lohlker von der Universität Wien die noch weitgehend unbekannte Gruppe „Khorasan“. Die plötzliche Entdeckung der den US-Geheimdiensten zufolge äußerst gefährlichen Gruppe in Syrien macht ihn stutzig und wirft für ihn und andere Terrorismusforscher viele Fragezeichen auf.

Er sei „verblüfft“ gewesen, als vor knapp zwei Wochen über die offenbar in Syrien operierende Gruppierung geredet wurde. Jede, der in Syrien aktiven Gruppierungen - wie etwa Jabhat al-Nusra, Ahrar al-Sham, Islamische Front oder Islamischer Staat - hätten „eine gewisse Prominenz“, erklärte Lohlker. Über sie und ihre Verbindungen könne man Informationen finden. Umso erstaunlicher sei es, dass über Khorasan bis vor kurzem nichts bekannt gewesen sei.

Der Name der Gruppierung Khorasan tauchte erst vor gut zehn Tagen zum ersten Mal in US-Medien auf. Zwei Tage danach weiteten die USA ihre Luftschläge gegen die Jihadisten der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) vom Irak auf Syrien aus. Die US-Geheimdienste warnten einem Bericht der „New York Times“ zufolge davor, dass Khorasan ebenso gefährlich für die Vereinigten Staaten werden könnte wie IS.

Dieser Umstand legt für Experten wie Lohlker eine von mehreren Optionen nahe, die das plötzliche Auftauchen von Khorasan erklären könnten: Nämlich, dass die USA diese Gruppe brauchen, um ihre Militärschläge gegen IS in Syrien zu legitimieren. Das US-Gesetz „Genehmigung zum Einsatz militärischer Gewalt gegen Terroristen“ (AUMF) ermöglicht ein militärisches Vorgehen gegen Personen, die auf gewisse Weise im Zusammenhang mit den Anschlägen von 9/11 stehen. „Es ist interessant, dass diese Gruppe auftaucht, wenn die USA rechtliche Probleme hat, um die Luftangriffe in Syrien zu legitimieren“, sagte Lohlker. Dieser Gedanke sei nicht nur ihm, sondern auch mit ihm vernetzten Terrorismusforschern gekommen. Zugleich sei er sich dessen bewusst, dass dies bloß Spekulationen seien.

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Eine weitere Option sei, dass Khorasan dem Terrornetzwerk der Al-Kaida diene, um dessen Präsenz und Macht neben den IS-Jihadisten zu demonstrieren. Man wisse, dass es in Syrien 2012 zwischen der Jabhat al-Nusra (Al-Nusra-Front) und IS zu einem Bruch gekommen sei. Al-Kaida habe darauf mit der Entsendung einiger „Veteranen“ aus Afghanistan und Pakistan nach Syrien reagiert, die das Problem aus der Welt schaffen sollten.

Nach Ansicht Lohlkers sei es nun möglich, dass jene „alten Al-Kaida-Veteranen“ sich formiert haben, weitere Leute zu sich ins Boot holten und tatsächlich Anschlagspläne entwickelten. Deshalb bezeichnet der Jihadismus-Experte die Gruppe als „Phanton mit realem Kern“.

Beide Erklärungsansätze hätten eine gewisse Logik. Zugleich tappten die Forscher aber im Dunkeln: „Das Problem ist, dass die Informationen alle aus einer geheimdienstlichen und terroristischen Grauzone kommen“, erklärte Lohlker.

Dass Khorasan ein Ableger der Al-Kaida sei, ist zwar durchaus möglich - selbst hierbei könne man sich aber nicht sicher sein. Der Name sei „sehr informell“, so Lohlker. Die Zweigstellen des Terrornetzwerks brächten üblicherweise durch ihren Namen oder Aktivitäten ihre Loyalität zu Al-Kaida-Chef Ayman al-Zawahiri oder zum getöteten Chef Osama bin Laden zum Ausdruck, erklärte Lohlker unter Verweis auf Terrorgruppen wie Boko Haram oder Al-Shabaab. In Khorasan gebe es diese unmittelbare Verbindung aber nicht.

„Bis jetzt hat es keinen substanziellen Nachweis für die Bedrohung durch Khorasan gegeben“, so Lohlker. „Das stimmt sehr misstrauisch“ und hinterlasse viele Fragezeichen. Seiner Ansicht nach bleibt es abzuwarten, ob es sich bei Khorasan um „ein kurzes Intermezzo“ handle oder man in einiger Zeit doch noch mehr über die Gruppierung sagen könne.

(Das Gespräch führte Mona ElKhalaf/APA)


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