Arzneimittelfälschungen: Konsumenten-Unwissen und „Sparzwänge“

Wien (APA) - Gefälschte Arzneimittel sind weltweit ein Mega-Geschäft. Konsumenten-Unwissen über die Gefährlichkeit der Bestellung von Medika...

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Wien (APA) - Gefälschte Arzneimittel sind weltweit ein Mega-Geschäft. Konsumenten-Unwissen über die Gefährlichkeit der Bestellung von Medikamenten im Internet und in die falsche Richtung gehende Sparbemühungen im Gesundheitswesen heizen diese kriminellen Machenschaften an. Das war Dienstagabend das Fazit einer Diskussionsveranstaltung des Verbandes der Pharmazeutischen Industrie Österreichs (Pharmig) in Wien.

Man sollt es nicht glauben, aber Umfragen beweisen es: Nur jeder zweite Österreicher, der im Internet Medikamente bestellt, ist sich dessen bewusst, dass das auch ein Risiko darstellen kann, so Robin Rumler, Präsident der Pharmig und Pfizer-Österreich-Geschäftsführer. „2011 hat Pfizer mit ‚Viagra‘ einen Umsatz von 1,8 Milliarden US-Dollar gemacht. Im gleichen Jahr wurde der Umsatz mit gefälschtem ‚Viagra‘ auf zwei Milliarden Dollar geschätzt.“

Ein Schlaglicht auf diese Szenerie geworfen hat vor kurzem erst die „Operation Vigorali“ der Polizei in Österreich und acht EU-Staaten mit der Aushebung einer internationalen Bande, die über Hunderte Homepages durchwegs Fälschungen von rezeptpflichtigen Life Style-Medikamenten anbot. „Wir haben in Wien in einer Gemeindewohnung 1,1 Millionen Tabletten sichergestellt. In einem Lager in einer Spedition etwa eine weitere Million Tabletten. Ein Tatverdächtiger ist voll geständig. Er hat uns gesagt, dass in den letzten Jahren zwölf Millionen Euro Umsatz gemacht wurden“, erklärte Franz Schwarzenbacher, im Bundeskriminalamt für Organisierte Kriminalität rund um Arzneimittelfälschungen, Doping und Spielbetrug im Sport zuständig.

Die Gefährlichkeit der Situation wird noch dadurch potenziert, dass es auch viele Möglichkeiten gibt, wie gefälschte Arzneimittel in die legale Lieferkette gelangen können. In ganz Europa hat vor einigen Monaten eine Affäre für helle Aufregung gesorgt, bei der es nach dem Diebstahl und dem dort verbotenen Weiterverkauf von High-Tech-Krebsmedikamenten durch italienische Krankenhäuser zum Auftauchen gefälschter Krebsmittel bei Parallelimporteuren kam. Diese Parallelimporteure kaufen solche Ware in Ländern mit dem billigsten Preis, packen sie um und verkaufen sie dann etwas billiger als die Originalpräparate. Die EU erlaubt das.

Doch nicht alles was legal ist, muss legitim sein. Der Grazer Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie, auch die steirische Krankenanstaltengesellschaft war betroffen: „Wir können als Ärzte die auffälligsten Fälschungen entdecken. Aber wir verabreichen täglich 60 bis 80 Chemotherapien.“ Es sei ein unzumutbarer Zustand, dass man „drei, vier oder fünf Monate später“ eine Benachrichtigung über das Auftauchen Krebsmittel-Fälschungen bekomme und dann nachprüfen solle, ob solche Fälschungen noch vorhanden oder gar verwendet worden seien. Er, Samonigg, fühle sich nicht mehr sicher. Und nachprüfen, ob die Anwendung eines Krebsmedikamentes bei einem Patienten eine Wirkung oder vermehrt Nebenwirkungen gehabt hätte, könne man in solchen Fällen auch nicht mehr.

Im Gegensatz zu den meisten österreichischen Bundesländern ist der Wiener Krankenanstaltenverbund, so dessen oberster Krankenhausapotheker, Wolfgang Gerold, nie ein solches Risiko eingegangen: „Wir vom KAV haben uns von Anfang an gegen Parallelimporte ausgesprochen.“ Man nehme dafür auch Arzneimittel-Mehrkosten von rund einer Million Euro in Kauf. Da gehe es nicht nur um das Ausschalten von Fälschungen, sondern auch um die Einhaltung von Kühlketten etc.

Im Parallelimport-Wesen bei Arzneimitteln kann die Ware auch durch die Hände Dutzender Großhändler in mehreren Staaten gehen. In Großbritannien wurde ehemals gar eine Fahrschule als „Nebenerwerb“-Pharmagroßhändler identifiziert, die gefälschte Arzneimittel vertrieb. Christa Wirthumer-Hoche, Chefin der AGES-Medizinmarktaufsicht: „Die Distributionskette muss man besser kontrollieren.“

Freilich, das können die nationalen Arzneimittelbehörden nicht. Prinzipiell ist nämlich der jeweilige Käufer von Arzneimitteln für die Kontrolle zuständig. „Die AGES kann nicht in den Griff bekommen, was in Griechenland oder in Rumänien passiert“, so Gerold. Der deutsche Krankenhausapothekerverband hat bereits im Juni dieses Jahres im Zuge der Parallelimport-Affäre mit in Deutschland aufgetauchten Fälschungen den Gesetzgeber aufgefordert, „nur noch die Vertriebswege vom Hersteller über den Großhandel an die Apotheke oder vom Hersteller direkt an die Apotheke zuzulassen.“ Das müsse auch in Europa sichergestellt werden.


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