Instrumental-Solisten der Klassik: Markt verlangt nach „sexy Frauen“

Salzburg (APA) - „Die Zeiten, in denen ältere, gereifte Künstlerpersönlichkeiten die Konzertpodien der Welt beherrschten, sind vorbei. Wer h...

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Salzburg (APA) - „Die Zeiten, in denen ältere, gereifte Künstlerpersönlichkeiten die Konzertpodien der Welt beherrschten, sind vorbei. Wer heute etwa als Geiger überregional erfolgreich sein will, sollte tunlichst weiblich und unter 30 Jahre alt sein, sowie sexy aussehen“, erläutert der Rektor Reinhart von Gutzeit, an dessen Salzburger Kunstuniversität Mozarteum jährlich etwa 30 Instrumentalsolisten absolvieren.

„Der Markt verlangt heftig nach diesem Star-Typus“, sagt Gutzeit im APA-Gespräch und verweist auf einen rund 40 Jahre alten Film mit dem Titel „Die Kunst der Violine“, wo die Großen der Zeit wie Yehudi Menuhin, Nathan Milstein, David Oistrach oder Henryk Szeryng porträtiert wurden. „Würde dieser Film heute gedreht, wäre Anne Sophie Mutter wohl die älteste, die da mitspielen dürfte.“

Wie Gutzeit, scheidender Rektor einer der weltweit prominentesten Ausbildungsstätten für klassische Musiker, weiter erläutert, sei die realistische Berufsperspektive für die allermeisten der hervorragend ausgebildeten Musiker das Spielen im Orchester, in freien Ensembles oder das Unterrichten. „Wir erleben es oft, dass die Träume von einer großen Solistenkarriere schmerzhaft zerplatzen. Umso wichtiger ist es, in der Ausbildungszeit deutlich zu machen, dass ein Engagement in einem Orchester etwas Ehrbares, sehr Erstrebenswertes und Sinnerfüllendes ist“.

Gutzeit betont, selbst der Gewinn von Wettbewerben sei keinerlei Garantie für eine Solokarriere. „In ganz Europa werden mittlerweile Hunderte von Wettbewerben organisiert, das gibt es in jeder besseren italienischen Touristenstadt. Wer nicht einen der ganz bedeutenden Wettbewerbe wie den Tschaikowsky-, den ARD- oder auch den Mozart-Wettbewerb gewinnt, kann deswegen keinesfalls mit Konzert-Engagements rechnen.“

Der Trend, dass viele hervorragende, unter solistischen Ansprüchen ausgebildete Musiker in die Orchester drängen, ist gut für das Publikum: „Die Orchester werden immer besser, die Qualität auch der mittelmäßig erfolgreichen Klangkörper steigt“, sagt Gutzeit. Aber zunehmend werde es auch in den Orchestern immer enger, wie Thomas Wolfram, Geschäftsführer des Salzburger Mozarteumorchesters, gegenüber der APA bestätigt: „Gutzeit hat recht. Wir hatten kürzlich ein Probespiel für die zweite Flöte. Dafür haben sich mehr als 200 Leute angemeldet. Auch für eine Stelle als zweiter Geiger gab eine gleichhohe Zahl an Bewerbern. Und diese Leute spielen alle fantastisch. Diese Flut an guten Musikern ist schon extrem.“

Besonders bei der Streichern sei zu beobachten, dass sich manche junge Musiker mit einer Art von Tunnelblick auf eine erhoffte Solistenkarriere fokussieren, sodass ihnen schließlich die für Orchester, Kammermusik oder Unterricht notwendigen musikalischen und sozialen Kompetenzen fehlen würden: „Da gibt es immer wieder Tragödien, wenn brillante Musiker wie junge Götter spielen und dennoch ins Abseits geschoben werden, weil sie sich in kein Ensemble einfügen können“, erläutert Gutzeit. „Darum bin ich sehr glücklich, dass wir am Mozarteum die Kammermusik viel stärker in den Mittelpunkt des Studiums gerückt haben. Gute Kammermusiker sind für beinahe jede musikalische Tätigkeit geeignet“.

Das gelte auch für Pianisten, deren Lage besonders schwierig sei. „Wenn jemand eine Tätigkeit als Klavierpädagoge oder als Korrepetitor für sich ausschließt, kann man ihm dieses Studium im Grunde nicht empfehlen“, ergänzt der Rektor. Werden zu viele Musiker ausgebildet? „Jein“, so Gutzeit. „Auch wenn die beruflichen Laufbahnen unserer Absolventen nicht systematisch analysiert werden, kann man sagen, dass sehr viele unserer Absolventen ihren Platz im Musikleben finden. Aber wirklich marktkonform können wir als Musikhochschule nicht agieren. Es gehört zum Wesen der Kunst, sich nicht in erster Linie am Markt zu orientieren. Musik hat viel mit Leidenschaft zu tun. Und wer die in sich spürt, soll diesen Weg gehen dürfen. Wichtig für die Zukunft ist allerdings, die jungen Musiker frühzeitig auf die Realitäten des Musiklebens hinzuweisen und sie mit möglichst bereiter Qualifikation auszustatten.“


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