Party für das Mehrzweckwohnzimmer: Das Wiener Lokal „phil“ wird zehn

Wien (APA) - Cafe, Vintagemöbel, Bücher: Das Mehrzweckwohnzimmer „phil“ residiert seit genau einer Dekade am inneren Ausläufer der Wiener Gu...

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Wien (APA) - Cafe, Vintagemöbel, Bücher: Das Mehrzweckwohnzimmer „phil“ residiert seit genau einer Dekade am inneren Ausläufer der Wiener Gumpendorfer Straße. Am Samstag feiert die Lokalinstitution, zu deren Kundschaft Jungmütter ebenso zählen wie die Melvins oder Calexico, seinen runden Geburtstag mit einer Party im Gartenbaukino. Die „phil“-Wurzeln liegen aber eigentlich in Südostasien.

Nach Ende seines Studiums sei er gleich einmal dreieinhalb Monate lang in der Ferne unterwegs gewesen, erzählt Gründer und Geschäftsführer Christian Schädel im APA-Gespräch: „Das war so eine klischeehafte Ich-such-mich-selber-Reise. In meinem Fall hat‘s sogar funktioniert.“ Zwei Wochen vor der Rückkehr nach Österreich entdeckte Schädel eine Teakholzhütte in Laos, die von einem kanadischen Pärchen betrieben wurde. Im Erdgeschoß wurden Bücher verkauft, im ersten Stock trank man - auf Matten lümmelnd - Tee. Abends gab es Arthouse-Filme für die Gäste. „Da hab ich mich wahnsinnig wohlgefühlt. Nach einer durchgemachten Nacht hat es auf der Weiterreise im Bus plötzlich ‚Zack‘ bei mir gemacht.“ Die Idee, so etwas ähnliches in Wien zu etablieren, war geboren. Das war im November 2003.

Elf Monate später, am 1. Oktober 2004, sperrte Schädel das „phil“ in einem vormals strom- und heizungslosen Kunsttapetenlager auf. Das Konzept stand von Anfang an fest: „Ich wollte nie nur Gastro machen.“ Also stellte der Chef sein Lokal mit Büchern voll, in denen man bei Kaffee und Kuchen nicht nur schmökern, sondern die man auch kaufen konnte. Inzwischen sei die Buchsparte ein durchaus wichtiger Umsatzbringer. „Die Quantität der verkauften Exemplare geht - besonders bei Taschenbüchern - zwar zurück, aber der Umsatz steigt, weil die Leute zunehmend aufwendig gemachte Bücher kaufen, die als E-Book nicht funktionieren“, erklärt der Hausherr.

Wobei man einerseits auf österreichische Autoren, andererseits auf Nischengenres wie Graphic Novels, Architektur, Biografien oder Street Art setzt. Belletristik gebe es freilich auch, „aber wir haben zum Beispiel probiert, ob Isabel Allende irgendjemand interessiert. Die Bücher haben wir bald wieder zurückgeschickt“, so Schädel. Abseits von Gedrucktem warten auch ausgesuchtes Vinyl und DVD-Ware auf die „phil“-Kundschaft.

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Kulinarisch gab man sich anfangs puristisch. „Knabanossi mit Senf, eingelegten Zwiebeln und einer Semmel“ wurde etwa kredenzt. Als Veranstaltungslocation startete das mit Vintagemöbeln vollgeräumte 170-Quadratmeter-Lokal indes mit vollem Karacho. Schon eineinhalb Monate nach der Eröffnung gelang der Coup, die Ur-Grunge-Krawallmacher Melvins - damals Special Guests der Viennale - für eine Pressekonferenz ins „phil“ zu lotsen. Konzerte von Scott Matthew und Calexico sowie Lesungen von Thomas Glavinic oder Tex Rubinowitz folgten im Lauf der Zeit. Die ORF-Sendung „les.art“ sendete zwischenzeitlich ebenfalls aus dem Retro-Chic-Kabäuschen.

Dass die Cafe-Buchhandlung in Mariahilf langsam erwachsen wird, zeigt sich nicht zuletzt am Publikum. Waren es in den Anfangsjahren vor allem „Szenemenschen und Gruppen, die eine Runde Bier oder Cola Rum nach der anderen getrunken haben“ (Schädel), wird das „phil“ nun mehrheitlich von teetrinkenden Jungmüttern, Literaturinteressierten und Touristen - „aber nicht die Massen-, sondern coole Touristen“ - bevölkert. Das mag auch daran liegen, dass das Lokal bald rauchfrei wurde - und zwar schon 2007 und damit noch ohne nichtraucherschutz-gesetzliche Notwendigkeit.

Um das reife Alter gebührend zu feiern, gönnt man sich am Samstag nun eine große Geburtstagsparty im Gartenbaukino, wo Schädel seit einigen Jahren die Dependance „philiale“ unterhält. Um 16.00 Uhr wird gestartet - u.a. mit dem Nino aus Wien, I-Wolf, Bernhard Eder, Attwenger, maschek, Tex Rubinowitz und DJ DSL. Eine aufwendig gestaltete Erinnerungsanthologie inklusive CD ist gerade erschienen. Dafür hat Schädel einen eigenen Verlag („biblio.phil“) bzw. ein eigenes Label („audio.phil“) gegründet. Weitere Veröffentlichungen sollen folgen.

(S E R V I C E - www.phil.info)


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