Seiner Zeit voraus: Der Handwerker Gaudi im Architekturzentrum Wien

Wien (APA) - Einzigartig, ein wenig „loco“ (verrückt) und für manche einfach Kitsch: Dass hinter den aufsehenerregenden Bauwerken des katala...

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Wien (APA) - Einzigartig, ein wenig „loco“ (verrückt) und für manche einfach Kitsch: Dass hinter den aufsehenerregenden Bauwerken des katalanischen Architekten Antoni Gaudi dessen Wunsch nach Funktionalität steckt, zeigt eine Wanderausstellung des Museo Nacional d‘Art de Catalunya aus Barcelona. Ab morgen, Donnerstag, gastiert „Gaudi. Eine zukunftsweisende Architektur“ im Architekturzentrum Wien (Az W).

Zufall ist es keiner, dass nach Miro in der Albertina nun ein zweiter großer Katalane in die Bundeshauptstadt einzieht. Vor 300 Jahren endete der Spanische Erbfolgekrieg mit der Kapitulation Barcelonas; das Gedenkjahr nahm die Regionalregierung zum Anlass „für eine Kunstoffensive, in deren Rahmen die größten Söhne Kataloniens weltweit präsentiert werden sollen“, erklärte Az W-Präsident Hannes Pflaum, der bei der heutigen Pressekonferenz den erkrankten Leiter Dietmar Steiner ersetzte. Mit Wien sei auch der Bezug zu den Habsburgern hergestellt, an deren Seite die Katalanen einst kämpften - und verloren.

Der Katalane Daniel Giralt-Miracle, Kurator der Schau und renommierter Kenner Gaudis, spricht lieber über Gaudi denn über Politik - auch wenn die Unabhängigkeitsbemühungen seiner Landsleute 300 Jahre später aktueller denn je sind. Gaudi (1852-1926) jedenfalls habe sich einst aus Gesellschaft und Politik rausgehalten und ausschließlich für die Architektur gelebt. Als Mitbegründer des Modernisme als Gegenstück zum deutschen Jugendstil galt er einst als Anarchist der Baukunst, sei aber im Grunde genommen Rationalist gewesen. „Meine Hauptthese ist: Das Skelett ist die Struktur, danach kommt alles andere“, so Giralt-Miracle. So habe der aus einer Handwerkerfamilie stammende Gaudi vor allem designt, mit logischen Formen, Raum, Luft, Licht und weiten Räumen gearbeitet. „Er ist ein Handwerker, der die Zukunft verstand und neue Lösungen geben, aber mit alten Materialien arbeiten wollte.“ Dass Touristen heute „alle für Gaudi nach Barcelona kommen“, finde er insofern schade, „weil vor 100 Jahren noch alle gegen ihn waren“.

Mit schlichten Mitteln will die didaktische Ausstellung zeigen, dass strukturelle und funktionale Aspekte dem großen Architekten ebenso wichtig waren wie die berühmten dekorativen Ornamente. Filme, Modelle und Baupläne stellen die wichtigsten, teils von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärten Bauwerke wie die unvollendete Sagrada Familie, den Park Güell oder Casa Batllo vor; Illustrationen von Gaudis „Bauhütten“ führen seine „experimentelle Methode“ vor Augen, vor Ort Modelle aus Gips, Holz oder Ton herzustellen, um Struktur und Gestalt zu berechnen. Ein Modell der La Pedrera macht deutlich, dass Gaudi der Fassade ihre tragende Funktion nahm, um große Öffnungen zu schaffen und so das Gebäude mit Licht zu durchfluten; ein Bauplan offenbart die damalige Neuheit einer Tiefgarage für Kutschen und Automobile.

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Einzelne Möbelstücke machen auf Gaudis unbekannte gestalterische Arbeit aufmerksam, wobei er jedes Stück an den Körperbau der Auftraggeber anpasste. Mit dem von der Decke hängenden „stereofunikulären“ Modell, das Gaudi zur Berechnung der Struktur der Kirche der Colonia Güell verwendete, bilden die ausgefallenen und dennoch ergonomischen Sitzbänke und Stühle den spannendsten Teil der sehr textlastigen Schau. „Wien ist fantastisch, aber Sie sollten nach Barcelona kommen“, sagt Giralt-Miracle passend. „Nur dort kommen Sie face to face mit Gaudi.“

(S E R V I C E - Ausstellung „Gaudi. Eine zukunftsweisende Architektur“ von 2. Oktober bis 2. November im Architekturzentrum Wien, Museumsplatz 1, 1070 Wien; Eröffnung heute, Mittwoch, um 19 Uhr. Täglich von 10 bis 19 Uhr; Symposium: Freitag, 14. März, 10 bis 17.30 Uhr; www.azw.at)


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