IS - Rätseln über Motive von IS-Rekruten aus dem Kosovo

Kacanik/Damaskus (APA/Reuters) - Der in Deutschland geboren Blerim Heta war zehn Jahre alt, als seine Familie zurück in den Kosovo zog. Nach...

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Kacanik/Damaskus (APA/Reuters) - Der in Deutschland geboren Blerim Heta war zehn Jahre alt, als seine Familie zurück in den Kosovo zog. Nach dem Luftkrieg der NATO gegen Jugoslawien 1999 war die ehemals serbische Provinz frei, für die albanisch-stämmige Familie gab es wieder eine Perspektive in der alten Heimat.

Die Hetas ließen sich in Ferizaj nieder, ganz in der Nähe einer Armeebasis der USA. Nach der Schule lebte Blerim 18 Monate lang im „Camp Bondsteel“, verbrachte viel Zeit mit den Soldaten auf dem Sportplatz. Im März 2014 sprengte sich Blerim im Irak in die Luft, Dutzende Menschen riss er mit in den Tod. Und er ist kein Einzelfall.

Die kosovarische Regierung geht davon aus, dass sich rund 200 junge Männer wie Heta den islamistischen Kämpfern im Irak und in Syrien angeschlossen haben, erbitterten Feinden des Westens. Für Hetas Mutter Minire ergibt das alles keinen Sinn. „Er hat nie schlecht über die Amerikaner gesprochen“, sagt sie. Warum auch? „Sie haben unser Leben gerettet“, erinnert Minire an die Befreiung ihrer Heimat. Die Mehrheit der Kosovaren sind weltlich orientierte Muslime, pro-amerikanisch wie auch Hetas Familie.

Mittlerweile haben fast alle europäischen Länder damit zu kämpfen, dass radikalisierte Jugendliche den „Islamischen Staat“ (IS) und andere islamistische Milizen unterstützen. Wegen ihrer besonderen Geschichte scheint das Phänomen für die knapp zwei Millionen Kosovaren aber besonders schwer verständlich. Die USA und andere westliche Staaten haben in den vergangenen Jahrzehnten Milliarden Dollar zum Wiederaufbau des Kosovo bereitgestellt. Die US-Flagge weht auf zahlreichen Hotels und Tankstellen, in Prishtina wurde US-Präsident Bill Clinton ein Denkmal gesetzt.

„Wenn ich sehe, was die US-Soldaten für mich und meine Familie getan haben, schäme ich mich, was meine Landsleute in Syrien und im Irak tun“, sagt ein Kosovare, der seit 14 Jahren in Camp Bondsteel arbeitet. Wie viele der zivilen Angestellten der Basis ist auch sein Sohn den US-Soldaten zu Einsätzen im Ausland gefolgt, nach Afghanistan und in den Irak. Das dort hart verdiente Geld stecken sie in den Aufbau ihrer Heimatdörfer.

Naim Rashiti vom Forschungszentrum Balkans Policy Research Institute versucht, Antworten auf die quälende Frage zu finden, warum sich Kosovo-Albaner trotzdem den Islamisten anschließen. Für manche sei das Motiv Geld, sagt er. Andere seien während ihrer Zeit als Angestellte der US-Armee in Afghanistan und im Irak radikalisiert worden. Der Soziologe Bardhyl Plakolli verweist auf die hohe Arbeitslosenrate von 45 Prozent im Kosovo und das miserable Bildungssystem. Das Durchschnittseinkommen beträgt 370 Euro. „Die Radikalen flüchten sich in die Religion“, sagt er.

Die Regierung hat andere Gründe für die Radikalisierung eines Teils der Jugend ausgemacht. „Sie haben eine Gehirnwäsche verpasst bekommen“, sagt Innenminister Bajram Rexhepi der Nachrichtenagentur Reuters. Die Behörden haben in jüngster Zeit Einrichtungen von 14 islamischen Organisationen vorübergehend oder gänzlich dicht gemacht. Politiker und Medien nehmen islamische Geistliche ins Visier, denen vorgeworfen wird, in den Moscheen Hass zu predigen.

Trotzdem reißt der Strom in die Krisenregion nicht ab. Am Dienstag vor einer Woche starb ein 17-jähriger Kosovare in Syrien. Als die NATO in seine Heimat kam, war er noch ein Kind.


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