Das Dilemma der Türkei im syrischen Gemetzel

Ankara fürchtet die syrischen Kurden und verweigerte sich lange dem Kampf gegen den IS. Die Tiroler Tageszeitung sprach mit dem Experten Walter Posch.

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Syrische Flüchtlinge warten an der türkisch-syrischen Grenze.
© EPA

Berlin – Laut dem Tiroler Walter Posch, Nahostexperte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, fehlt es dem Westen an einem klaren Konzept, um den Aufstieg der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien und im Irak zu stoppen. Und er beleuchtet die doppelbödige Strategie, die Ankara angesichts des Vormarsches der Jihadisten im Kampf gegen die Kurden verfolgt.

Die Extremisten der IS-Terrormiliz stehen nur mehr wenige Meter vor der kurdischen Stadt Kobane an der Grenze zur Türkei. 300 Dörfer in der Kurdenenklave in Nordsyrien sollen die Jihadisten bereits unter ihre Kontrolle gebracht haben. Die Kurden fürchten ein Massaker. Warum wird den bedrängten Kurden nicht mehr geholfen? Und welche Ziele verfolgt die Türkei, an deren Grenzen gekämpft wird?

Der Iran-Experte Walter Posch
© Marc Darchinger

Walter Posch: Die drei syrischen Kurdenenklaven an der Grenze zur Türkei werden von kurdischen Volksverteidigungseinheiten kontrolliert, die als Ableger der verbotenen kurdisch-türkischen Arbeiterpartei PKK (die Organisation wird etwa von der Türkei, der EU und den USA als terroristische Vereinigung eingestuft, Anm.) gelten. Der syrische Ableger der PKK hat dort auch mit Duldung des syrischen Regimes eine Machtbasis mit gut ausgebildeten Kämpfern aufbauen können. Das sieht die Türkei, die nach jahrzehntelangem Kampf mit der PKK über eine Friedenslösung verhandelt und einen Waffenstillstand mit den Rebellen vereinbart hat, als große Bedrohung an. Aus Furcht vor den PKK-nahen kurdischen Kämpfern in Syrien verschloss Ankara vor den Jihadisten des IS die Augen. Da schienen die Jihadisten des IS für Ankara die kleinere Bedrohung zu sein.

Doch zuletzt hat der türkische Präsident Erdogan und die Regierung in Ankara zumindest die Rhetorik gegenüber den Extremisten des IS verschärft. So will die Türkei künftig ihre Militärbasen den Ländern der Anti-IS-Allianz zur Verfügung stellen und nötigenfalls auch selbst in Syrien militärisch intervenieren.

Posch: Der internationale Druck auf die Türkei, entschiedener gegen die Terrormiliz IS vorzugehen, wurde zuletzt immer stärker. Und bei der von der Türkei ins Spiel gebrachten Einrichtung einer militärisch geschützten Pufferzone auf syrischem Territorium zum Schutz der Flüchtlinge könnte man gleich auch die ungeliebten PKK-nahen syrisch-kurdischen Kämpfer entwaffnen.

Doch nicht nur die Türkei hält sich zurück. Auch der Westen scheint die vom IS bedrängten Kurden im Norden Syriens – im Gegensatz zum Irak – nur sehr halbherzig zu unterstützen.

Posch: Der Westen unterstützt die Peschmerga-Armee der kurdischen Autonomiegebiete im Irak unter Präsident Masud Barzani. Doch die kurdische Regionalregierung im Irak und die Führung der Kurden in Syrien sind politisch verfeindet. Der Westen verfolgt weniger das Ziel, den syrischen Kurden in ihrem Kampf gegen den Islamischen Staat zu helfen, als vielmehr Einnahmequellen und Infrastruktureinrichtungen des IS unter Beschuss zu nehmen.

Welche Folgen hätte der immer näher rückende Fall der kurdischen Enklave Kobane und die Übernahme des Gebiets durch Extremisten des IS?

Posch: Das wäre wohl ein verheerendes Signal an die Kurden, nicht nur in der Region. Nicht nur in der Südosttürkei, auch in Istanbul und in ganz Europa würde es wegen der fehlenden Unterstützung zu Protesten der Kurden kommen. Und der Westen müsste sich den Vorwurf einer verantwortungslosen Politik machen lassen.

Generell scheint die Strategie des Westens bei der Bekämpfung des IS-Terrors verschlungene Wege zu gehen.

Posch: Der Westen betrieb in Syrien lange Zeit eine Nicht-Politik. Die Fronten bleiben verschwommen. So wollte man zuerst das Regime von Präsident Bashar Al-Assad um jeden Preis stürzen. Jetzt ist davon nicht mehr die Rede. Es gibt keine klaren Ziele. Auf der anderen Seite haben etwa Russland oder der Iran in Syrien immer eine ganz klare Strategie verfolgt.

Nachdem sie im Kampf gegen das Regime von Präsident Assad lange vertröstet wurden, wollen die USA nun die moderaten syrischen Rebellen im Kampf gegen den IS besser ausrüsten und trainieren. Kann das vielleicht mithelfen, eine Wende einzuleiten?

Posch: Da sehe ich vorerst überhaupt keine Hoffnung. Den so genannten moderaten Rebellengruppen in Syrien fehlt es sowohl an ausreichend finanzieller Unterstützung als auch an klaren Zielsetzungen. Auch im ideologischen Kampf gegen den IS ziehen sie den Kürzeren.

Das Gespräch führte Christian Jentsch


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