Hongkongs Rolle als globaler Finanzstandort steht auf dem Spiel

Hongkong/Peking (APA/dpa) - Hongkong gilt als drittwichtigster Finanzstandort der Welt - nach New York und London. Die autonom regierte chin...

  • Artikel
  • Diskussion

Hongkong/Peking (APA/dpa) - Hongkong gilt als drittwichtigster Finanzstandort der Welt - nach New York und London. Die autonom regierte chinesische Sonderverwaltungsregion und Festlandchina sind wirtschaftlich stark voneinander abhängig.

Die ehemalige britische Kronkolonie hat traditionell als „Tor zu China“ fungiert. Seit der Rückgabe 1997 an China und dem Aufstieg der Volksrepublik zur weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft spielt Hongkong weiter eine wichtige Rolle als Brücke für die Finanz- und Warenströme von und nach China.

Hongkongs Banker und Unternehmensbosse fürchten die Demonstrationen, die bereits jetzt einen Teil der asiatischen Hafenmetropole lahmlegen. Auch sehen sie die Gefahr einer gewaltsamen Unterdrückung der Proteste: „Aus ihrer Sicht hätte ein Militäreinsatz verheerende Folgen auf Hongkong als internationaler Finanz- und Wirtschaftsplatz“, sagt Professor Sebastian Heilman, Direktor des China-Instituts Merics in Berlin, der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Hongkongs Börse ist die zweitgrößte in Asien und die sechstgrößte der Welt. Knapp die Hälfte aller Unternehmen am Hongkonger Aktienmarkt stammen aus China. Es ist in Asien der zweitgrößte Markt für Beteiligungskapital privater und institutioneller Anleger. 70 der 100 weltweit größten Banken sind in Hongkong tätig. Als größtes Renminbi-Zentrum der Welt spielt der Finanzplatz eine entscheidende Rolle bei der angestrebten Internationalisierung des Yuan (Renminbi), denn die chinesische Währung ist heute noch nicht frei handelbar.

Die Hafenstadt mit ihrer kolonialen britischen Tradition ist auf dem Handel aufgebaut. Mit seiner wirtschaftlichen Freiheit und Effizienz nimmt Hongkong weltweit einen Spitzenplatz ein. Es ist bis heute der wichtigste Umschlaghafen für Chinas Außenhandel. Die Kooperation wurde 2003 durch Chinas erstes Freihandelsabkommen massiv ausgebaut. Es wurde zu einer der neuen Triebkräfte für Hongkongs Wirtschaft.

Hongkong spielt auch als Finanzvermittler eine wesentliche Rolle für Festlandchina. Es ist die größte Quelle ausländischer Investitionen. Im südchinesischen Perlflussdelta, einem der größten Motoren der Wirtschaft Chinas, stammen 90 Prozent aller Auslandsinvestitionen aus Hongkong. Häufig wird chinesisches Kapital über Gesellschaften in Hongkong wieder zurück nach China geschleust.

Mit dem chinesischen „Wirtschaftswunder“ hat sich die Rolle der Metropole allerdings gewandelt. Wer heute Geschäfte mit China macht, muss nicht mehr über Hongkong gehen. Mehrere chinesische Häfen wickeln heute größeres oder ähnliches Volumen wie Hongkong ab. „In wirtschaftlicher Hinsicht hat Hongkong nicht mehr die äußerst starke Stellung als ‚Gans, die für Peking goldene Eier legt‘, wie noch 1997“, sagt Professor Heilmann.

„Und Hongkong hat aufgrund von Aufstieg und Förderung des Finanzplatzes Shanghai nicht mehr die einzigartige Stellung als ‚Das Tor für Handel und Finanzen‘ zu China“, sagt Heilmann. Der Chinahandel habe sich seit 1997 breit gefächert vom ehemaligen Eingangstor Hongkong wegdiversifiziert. Deswegen glaubt der Professor: „In wirtschaftlicher Hinsicht wäre ein militärisches Eingreifen in Hongkong mit den damit verbundenen, voraussichtlich kurzfristigen wirtschaftlichen Rückschlägen für China verkraftbar.“

Doch wäre der Preis wirtschaftlich und politisch weiter hoch. Ein Gewalteinsatz gegen friedliche Demonstranten „hätte international höchstwahrscheinlich wirtschaftliche Sanktionen und ein vorübergehendes Einfrieren der diplomatischen Beziehungen zur Folge“, glaubt Heilmann. Es würde definitiv auch Chinas Pläne für den Asien-Pazifik-Gipfel (APEC) am 10. November über den Haufen werfen. Dazu hat die chinesische Führung die asiatisch-pazifischen Staats- und Regierungschefs nach Peking eingeladen - allen voran US-Präsident Barack Obama.

( 1174-14)


Kommentieren