„Mary Poppins“: Abheben in die Farbenwelt der Fantasie

Das wohl berühmteste Kindermädchen ist in Wien gelandet: Jubel für eine spritzige „Mary Poppins“ im Ronacher.

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Das Kindermädchen, das jeder kennt: Annemieke van Dam als Mary Poppins und David Boyd als Bert im Wiener Ronacher.
© APA/HANS PUNZ

Von Bernadette Lietzow

Wien –Mit Schirm, Charme und Hütchen tritt sie auf, die selbstbewusste Kinderfrau, die sich, herbeigerufen von zwei unglücklichen Geschwistern, anschickt, deren enge bürgerliche Welt mit den wohltuenden Farben von Fantasie und guten Gedanken neu auszugestalten. Seit den 1930er Jahren gehört „Mary Poppins“, erdacht von der britischen Autorin P. L. Travers und in ihrem zauberhaft moralischen Impetus ähnlich den Büchern Erich Kästners, zu den Fixsternen im Kinderbuchsortiment.

Der oscargekrönte Walt-Disney-Film aus dem Jahr 1964 mit Julie Andrews in der Titelrolle gilt bis heute als klassisches Familienkino. Seit der gefeierten Premiere am vergangenen Mittwoch beglückt Mary Poppins nun im Wiener Ronacher kleine und große Musicalfans. In der deutschsprachigen Erstaufführung, umgesetzt vom Original-Produzenten Cameron Mackintosh, dessen an Bücher und Film angelehnte und um einige Melodien erweiterte Show seit der Londoner Uraufführung 2004 mit großem Erfolg in einigen Ländern gezeigt wurde, wirbelt ein perfekt abgestimmtes Ensemble gehörig Staub auf. Angeführt von der schon als „Sisi“ begeisternden Niederländerin Annemieke van Dam als fulminante Mary Poppins treiben sich graue Bürohengste aus des anfänglich ebenso grauen Vaters Bank, zum Leben erweckte Brunnenfiguren, der Kinder vernachlässigte Kuscheltiere, Rauchfangkehrer und knallbunte Fantasiegestalten durch ein illusionistisches Bühnenbild. Wie ein überdimensioniertes Kinderbuch aus vergangener Zeit erscheint da das Haus der Familie Banks, Bühnen- und Kostümbildner Bob Crowley lässt einmal das Kinderzimmer, dann wieder die nostalgische Küche zum Vorschein kommen und hüllt sämtliche Darsteller in schlichte bis grellbunt-schräge Kleider anno 1900.

In zwei Akte geteilt, wird die Geschichte der Familie Banks, die in Liebe und mit neuen Werten wieder zueinander findet, in geschickt und kurzweilig angeordneten Einzelszenen erzählt, deren Mittelpunkt jeweils ein in Herz und Ohr gehender Song darstellt. Von „Chim Chim Cher-I“ bis zum berühmten „Mit ’nem Teelöffel Zucker“ singt, tanzt, steppt und trällert eine zwar gesanglich nicht immer überzeugende und anfänglich etwas verlangsamte Darstellerschar zunehmend spielfreudig durch den fast dreistündigen Abend. David Boyd als Erzähler, Tania Golden als resolute Köchin oder Maaike Schuurmans als schreckliche Miss Andrew, die den Kindern richtig erbarmungslos „Krautsaft und Fischöl“ aufdrängt, und nicht zu vergessen die beeindruckenden Kinderdarsteller begeistern, umflirrt von perfekter Licht- und Bühnentechnik. Sie machen die engen Grenzen vergessen, die einer für ein breites Publikum auf Kassenerfolg angelegten Großproduktion gesetzt sind und garantieren einen heiteren Familien-Ausflug ins Reich der Fantasie. Schlussüberraschung inklusive!


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