Disney Theater-Chef: „Die Broadway-Welt braucht keine Subventionen“

Wien (APA) - Thomas Schumacher ist Präsident der Disney Theatrical Group, der Live-Division der Walt Disney Company, für die er seit 1988 ar...

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Wien (APA) - Thomas Schumacher ist Präsident der Disney Theatrical Group, der Live-Division der Walt Disney Company, für die er seit 1988 arbeitet. Zunächst war er für den Animationsfilmbereich von Disney und damit für Erfolge wie „Der König der Löwen“ oder „Toy Story“ zuständig. Der viel beschäftigte US-Manager war gestern in Wien und gab der APA vor der Premiere des Musicals „Mary Poppins“ ein Interview.

APA: Mr. Schumacher,...

Thomas Schumacher: Lassen Sie mich gleich am Anfang klarstellen: Ich habe rein gar nichts zu dieser „Mary Poppins“-Produktion beigetragen. Ehrlich. Cameron (der Produzent Cameron Mackintosh, Anm.) hat alles gemacht. Ich bin heute Früh angeflogen, werde die Show sehen, werde begeistert sein, und fliege morgen gleich wieder ab.

APA: Das ist wohl das, was man eine wunderbare Zusammenarbeit nennt?

Schumacher: Wir haben es wirklich oft gemacht, das ist die siebente oder achte Produktion. Wir teilen uns das auf: Cameron ist nicht nach Mexiko gekommen, ich nicht hierher. Aber wir haben das Ganze gemeinsam auf den Weg gebracht. Im Dezember 2001 bin ich zu ihm ins Büro gekommen. Er hatte die Rechte auf Teile der Geschichte und wir ebenso. Es war also eine Zwangsheirat. Man hat gedacht, wir könnten niemals zusammenarbeiten - und wir haben das Gegenteil bewiesen. Wir sind zuerst in London herausgekommen, dann in New York, haben darauf eine UK-Tour, dann eine US-Tour,...

APA: Cameron Mackintosh hat mir über einen Tag in seinem New Yorker Apartment erzählt, als Sie und er gemeinsam Disney-Chef Michael Eisner das ganze Musical vorgespielt und ihn damit überzeugt haben.

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Schumacher: Als wir danach wieder auf der Straße waren, hat Michael zu mir über Cameron gesagt: Sein Erfolg ist wohl kein Zufall. Ich fand das süß. Und Michael hat uns daraufhin völlig freie Hand gelassen, er hat erst die letzte Preview vor der Premiere gesehen. Wir haben drei Jahre lang intensiv daran gearbeitet und die Show gemeinsam erfunden. Cameron hat die London-Produktion geleitet, ich jene in New York. Und wir haben kontinuierlich daran weitergearbeitet. Was Sie hier in Wien sehen, ist Version Nummer vier der Produktion.

APA: Abgesehen von „Mary Poppins“: Wissen Sie die genaue Zahl an Disney-Shows, die derzeit auf der ganzen Welt zu sehen sind?

Schumacher: Ich würde sagen: 16. Mit der Show hier könnten es aber auch 17 sein. Ich habe gerade zwei brandneue Produktionen in Proben. Eine „Newsies“-Tourproduktion kommt in zwei Woche neu heraus, ich habe einen „Glöckner von Notre-Dame“, der gerade in Kalifornien geprobt wird. Deshalb bin ich nur einen einzigen Tag da. Obwohl Wien eine wundervolle Stadt ist. Wir haben „Shakespeare in Love“ in London laufen, zehn „Lion Kings“ spielen auf der ganzen Welt. In Tokio haben wir gerade neben „Lion King“ noch „Aida“ und „Beauty and the Beast“ und erst am Montag eine „Aladdin“-Show bekannt gegeben.

APA: Wie wichtig ist Ihre Live-Abteilung für die ganze Walt Disney Company?

Schumacher: Bedenken Sie, dass vor 20 Jahren, als wir mit „Beauty and the Beast“ die erste Show herausbrachten, das ganze Unternehmen viel kleiner war. Damals war es vielleicht 15 Milliarden Dollar groß, heute sind es vielleicht an die 100 Milliarden Dollar. Disney Theatrical war damals kein besonders großes Projekt. Aber heute ist es enorm wichtig. Wir spielen in den größten Städten der Welt und erreichen damit ziemlich viel Öffentlichkeit. Heute ist Disney riesengroßer Unterhaltungs- und Medienkonzern, der von Themenparks über Marvel-Comics, das Animationsstudio Pixar bis zu Lucasfilm reicht.

APA: Im dritten Geschäftsquartal 2014 meldete Disney einen Umsatz von 12,5 Mrd. Dollar und einen Gewinn von mehr als 2,2 Mrd. Dollar. Schreibt auch ihr Unternehmensteil Gewinn?

Schumann: Was glauben Sie? (lacht) Wir haben unseren Gewinn in den vergangenen sieben Jahren mehr als verdoppelt!

APA: Was denken Sie, wenn Sie aus den USA nach Europa kommen, wo der größte Teil der Theater - wie ja auch das „Ronacher“ - von öffentlichen Subventionen abhängig ist?

Schumacher: Ich habe meine Karriere im öffentlichen Theaterbereich begonnen und bin Board-Mitglied bei vielen subventionierten Institutionen. Ich verstehe diese Welt also durchaus. Aber die Broadway-Welt braucht keine Subventionen, weil sie eine ganz andere Agenda hat. Die Aufgabe des öffentlichen Theaters ist, neue und anspruchsvolle Arbeiten herauszubringen, die Unterstützung brauchen, damit sie verwirklicht werden können. Der Broadway braucht den Erfolg beim Publikum. Wenn Sie 15 Mio. Dollar benötigen, um eine neue Broadway-Show herauszubringen, dann verwenden Sie Geld von Investoren, nicht öffentliches Geld. Es gibt zwar auch drei öffentlich unterstützte Broadway-Theater, aber dort große, kommerzielle Shows zu zeigen, wäre problematisch. Aber ich möchte in keiner Weise Ihr System hier kommentieren. Ich bin Amerikaner, und wir haben genug eigene Probleme.

APA: Sie sind auch für die Eisrevuen von Disney verantwortlich. Ist diese Art von Shows nicht ein bisschen old fashioned?

Schumacher: Tja, Eiscreme ist auch old fashioned, aber Sie mögen sie doch noch immer? Weihnachten ist old fashioned - möglicherweise lieben Sie es dennoch? Warum mögen Sie „old fashioned“ nicht? Die Disney-Eisrevuen gibt es seit über 30 Jahren. Seit 15 Jahren bin ich für sie verantwortlich. Wir haben den Umsatz in dieser Zeit mehr als verdreifacht. Warum? Weil die Menschen sie lieben! Gerade eben ist der Film „Frozen“ aufs Eis gegangen - was ich alleine vom Namen her schon ziemlich lustig finde - und er bricht alle Rekorde für Eisrevuen. Kleinkinder lieben diese Shows! Das sind außergewöhnliche Erlebnisse für sie, die sich von ihrem Alltag abheben. Ist doch großartig! Ich will keine Fünfjährigen im Theater, und Sie wollen auch keine Fünfjährigen neben sich haben, wenn Sie im Theater sitzen, oder? Mit einem Fünfjährigen können Sie aber in einer Eisrevue einen Super-Abend haben. Und daneben geht es in diesen Shows auch um Können und Leistung. Ich glaube daran, dass es diese Dinge gibt, und dass sie etwas für uns bedeuten.

APA: Ich selbst fühle mich „old fashioned“, wenn ich sehe wie die heutigen Kinder mit elektronischen Geräten aufwachsen, die ich kaum bedienen kann.

Schumacher: Guter Punkt. Ich werde bald 57 - wenn ich eine Computer-Frage habe, dann wende ich mich an ein Kind. Aber: Warum hat der Broadway in diesem Jahr so viele Zuschauer wie nie zuvor, obwohl wir all diese Smartphones, Computer, Streams etc. haben? Es ist das Live-Erlebnis! Das ist ganz wichtig für den Menschen. Ich bin im Rahmen eines Tutoren-Programms mit Jugendlichen in eine Broadway-Show gegangen. Ein 17-Jähriger hat so etwas das erste Mal in seinem Leben gesehen und war hin und weg. Am Ende hat er gesagt: Das war wie einen 3 D-Film Ansehen. Ich habe geantwortet: Es ist 3D. Und wir haben dieses 3D vor 2.000 Jahren im Alten Griechenland erfunden.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)


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