Buchpreis: Heinrich Steinfest könnte auch mit „Silbermedaille“ leben

Stuttgart/Frankfurt (APA) - Heinrich Steinfest (53) ist der einzige Österreicher unter den sechs Kandidaten, aus deren Kreis am Montagabend ...

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Stuttgart/Frankfurt (APA) - Heinrich Steinfest (53) ist der einzige Österreicher unter den sechs Kandidaten, aus deren Kreis am Montagabend in Frankfurt/Main der Gewinner des Deutschen Buchpreis bekannt gegeben wird. Der APA beantwortete der in Australien geborene, in Wien aufgewachsene und heute in Stuttgart lebende Autor des fantasievollen und viel gelobten Romans „Der Allesforscher“ im Vorfeld einige Fragen.

APA: Am Montagabend findet ein Ereignis statt, das manche in der Buchbranche für eines der wichtigsten des Jahres halten - die Verleihung des Deutschen Buchpreises. Sie sind unter den sechs Autoren, die live auf die Verlesung des Siegernamens warten werden. Wie nervös sind Sie?

Heinrich Steinfest: Geht so. Ich habe mich sehr über die Shortlist gefreut, gehöre aber nicht zu den Leuten, die in Tränen verfallen und Selbstmordgedanken entwickeln, wenn sie „nur“ eine Silbermedaille erhalten. Die Verachtung der Silbermedaillen ist eine Krankheit des Sports.

APA: Sie haben es ja bereits 2006 auf die Longlist geschafft. Hat Ihnen das damals etwas gebracht? Mehr Anerkennung etwa, oder bessere Verkaufszahlen?

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Steinfest: Prinzipiell ist zu sagen, dass dieser Preis den Vorteil hat - trotz aller hollywoodartiger Inszenierung -, zuerst durch die lange, dann durch die kurze Liste einer größeren Anzahl von Romanen Aufmerksamkeit zu verschaffen, auch, wenn man dann nicht „Erster“ wird. Das ist um einiges einträglicher - kommerziell wie ideell -, als bei einem anderen Preis hinterher zu erfahren, man hätte zwar zum Kreis der Verdächtigen gehört, nur leider, leider...

APA: Der explodierende Wal ist ein Bild, das im Moment in fast jedem kurzen Text über Ihren „Allesforscher“ herhalten muss. Wie läuft im Moment die Rezeption Ihres Romans? Fühlen Sie sich „verstanden“?

Steinfest: Verstanden von denen, die den Roman auch tatsächlich gelesen haben. Der Wal dient ja nicht als Knalleffekt, sondern als Ur-Knall, als eine explodierende Singularität, die überhaupt erst den Kosmos dieses Romans entstehen lässt, die Figuren und Dinge in Bewegung bringt, Materie schafft, Liebe sowieso. Und natürlich den Ausgangspunkt der Menschwerdung der Hauptfigur darstellt. Eine gute Explosion.

APA: Ist der „Allesforscher“ tatsächlich Ihr bisheriges Opus magnum? Welche Elemente dieses Romans sind Ihnen besonders wichtig?

Steinfest: Mein bisheriges, ja. Aber ich hoffe natürlich, da noch nachlegen zu können. Der „Allesforscher“ ist sicher mein Roman mit den stärksten biografischen Bezügen. Der wesentlichste Punkt ist die beschriebene Vater-Sohn-Beziehung. Sie ist, wenn man so will, der zentrale Stern, der sich aus dem Ur-Knall herausgebildet hat.

APA: Sie haben jede Menge Krimis geschrieben und waren damit auch sehr erfolgreich. Sind Sie davon abgekommen oder haben Sie nur eine Pause eingelegt? Andererseits scheint ja heutzutage nahezu jeder Krimis zu schreiben...

Steinfest: Stimmt, jeder glaubt, Krimis schreiben zu können, nur weil er „Tatort“ gesehen hat. Das ist wie mit Lyrik, Aquarellmalerei und Kommentaren zum modernen Fußball, würde mich aber nicht abhalten, weiter dem Genre zu frönen. Doch derzeit beschäftigen mich Erlebnisse und Erinnerungen und Fantasien, zu denen der Krimi schon aus kompositorischen Gründen nicht passen würde. Vielleicht auch hängt es mit dem Alter zusammen. Vielleicht bin ich zu alt für Krimis (bevor es dann im hohen und höchsten Alter noch einmal so richtig losgeht).

APA: Sie sind nicht nur Autor, sondern auch Bildender Künstler. Sie haben auch eigene Zeichnungen in den „Allesforscher“ integriert. Sind das zwei Karrieren, die parallel verlaufen?

Steinfest: Nein, ich bin schon lange in erster Linie Autor. Meine kleinen Collagen und Graphiken sind Meditationen während des Schreibens, so wie ich früher, als die Telefone noch einen festen Platz hatten, auf Papierblöcken „Telefonkritzeleien“ verfertigte. Dergestalt sind meine aktuellen Zeichnungen.

APA: Wie kam es dazu, dass Sie in Australien geboren wurden und dennoch Österreicher sind? Welche Bedeutung hat Österreich heute für Sie?

Steinfest: Banales Schicksal. Meine Eltern waren Auswanderer, die bald wieder nach Wien zurückgingen. In der dortigen Luft wurde ich groß. Und diese Luft steckt halt noch immer in meinen Atemwegen, auch nach achtzehn Jahren Stuttgart. In Österreich erkenne ich die Welt als theatralische Überzeichnung. Mal höllisch, mal himmlisch, ein deutliches Fehlen von Mittelwegen. - Umso weiter man von Österreich weg ist, umso deutlicher erkennt man die bühnenhafte Gestalt. Ich stehe aber auch sehr gerne auf dieser „Bühne“, siehe Urlaub in Tirol.

APA: Heute leben Sie in Stuttgart und haben sich gegen das Projekt Stuttgart 21 engagiert. Da kam es ja zu ziemlich heftigen Auseinandersetzungen. Wie ist da der aktuelle Stand?

Steinfest: Erbärmlich, traurig, aber immerhin haben wir hier jetzt eine Baustelle, wie sie nicht alle haben. Im übrigen wird dieses Thema die Stadt noch lange begleiten wie eine chronische Krankheit. Am gesündesten wird trotz aller Verletzungen der alte Bahnhof bleiben. Wage ich zu prophezeien.

(Die Fragen stellte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Heinrich Steinfest: „Der Allesforscher“, Piper Verlag, 400 Seiten, 20,60 Euro)

(A V I S O - Die APA hat am 8.4. unter APA442 eine Rezension von „Der Allesforscher“ gesendet.)


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