„Der Zerrissene“ in der Josefstadt: Zwischen Alltag und Feierstunde

Wien (APA) - „Der Zerrissene“ von Johann Nestroy ist keine leichte Aufgabe: Die Geschichte um den reichen Herrn von Lips, der seines Reichtu...

  • Artikel
  • Diskussion

Wien (APA) - „Der Zerrissene“ von Johann Nestroy ist keine leichte Aufgabe: Die Geschichte um den reichen Herrn von Lips, der seines Reichtums nicht recht froh ist, scheint sich von selbst zu spielen, muss aber gegen unzählige Vorgänger-Inszenierungen bestehen. Die Neuproduktion an der Josefstadt bietet nur Theater-Alltag. Zum Freudentag machte die gestrige Premiere eine anschließende Ehrung auf offener Bühne.

Geht der Vorhang hoch, ist man zunächst verblüfft: Eine steile, goldene, tortenstückförmige Treppe, die an ihrem oberen Ende von einer Reling begrenzt ist, dominiert die Bühne. Der verstorbene Meisterarchitekt Hans Hollein scheint seine Wiederauferstehung zu feiern, auch Thomas Schulte-Michels fällt einem sofort ein, der seine Volkstheater-Inszenierungen häufig auf kühnen Stiegen anzusiedeln pflegt. Im Theater an der Josefstadt war jedoch Erich Uiberlacker am Werk. Er hat Herrn von Lips eine postmoderne Nobel-Herberge gebaut, unter der - die Drehbühne bringt es an den Tag - die Scheune seines Pächters Krautkopf versteckt ist.

In dieser originellen Bühnenlösung hat der an der Josefstadt viel beschäftigte Regisseur Michael Gampe nur wenig originelle Inszenierungsideen zu bieten. Zunächst scheint sich mit den weißen, zwischen Gigolo und Mafia-Verschnitt changierenden Anzügen des Herrn von Lips und seinen Freunden (blasiert, doch blass: Oliver Huether, Friedrich Schwardtmann und Nicolaus Hagg) eine eigenwillige Interpretation anzudeuten, die sich jedoch rasch wieder verliert. Auch das hin und wieder auftretende Trio mit Teufelsgeige, Akkordeon und Geige macht nichts weiter, als gelegentlich daran zu erinnern, dass es sich bei dem Stück eigentlich um eine „Posse mit Gesang“ handelt.

Bei einer solchen wartet man traditionell auf die eine oder andere aktuelle Couplet-Einlage. Gampe und sein Couplet-Texter Nicolaus Hagg enttäuschen die Erwartungen nicht und liefern nach der Pause für eine Lips‘sche Gesangseinlage Strophen, in die alles Erdenkliche gepackt ist, von Schönheits-Chirurgie bis zur Internet-Partnersuche, vom Deutschunterricht bis zur Zentralmatura. Das wäre ebenso beliebt wie beliebig, hätte man nicht doch ein paar Widerhaken eingebaut: „Die ÖVP geht ja schon lange in den Keller zum Lachen / jetzt wissen wir endlich, was sie dort machen“, leitet über zu den umstrittenen burgenländischen Keller-Nazis in Ulrich Seidls neuem Film. Auch damit landet man zwar keine K.-o.-Schläge, aber doch den einen oder anderen Treffer.

Michael Dangl, der diese Couplets zu singen hat, fühlt sich nach der Pause als „kriminalischer“ und ganz besinnungsloser, weil sich des Schlossermords beschuldigt glaubender, seines Reichtums und seiner Sicherheiten beraubter Herr von Lips deutlich wohler als davor im Zustand des Ennui, wenn er Zerstreuung in Champagner-Besäufnissen und riskanten Ehe-Wetten zu suchen hat. Hat er sich erst freigespielt, dann gelingt es ihm auch, die zart wachsende Beziehung zu seinem Patenkind Kathi (eine vorbildliche und zu Herzen gehende Unschuld vom Lande: Martina Ebm) glaubhaft über die Rampe zu bringen. Martin Zauner und Siegfried Walther haben als rabiater Gluthammer und grober Krautkopf ihr Komiker-Handwerkszeug ausgepackt und geben dem Affen ordentlich Zucker.

Bleibt Marianne Nentwich als Madame Schleyer. Sie legt die leichtlebige Dame, die das Glück hat, im richtigen Augenblick dem Herrn von Lips über den Weg zu laufen, im zyklamenfarbenen Kostüm samt passendem Hut mit einem kräftigen Hauch Vulgarität an - Salondame war gestern, Mut zur herben Komik ist heute, scheint sie zu signalisieren. „Als kleines, unschuldiges Mädchen habe ich hier angefangen. Dann habe ich mich dreimal umgedreht und bin bei der bösen Alten gelandet“, meinte sie selbstironisch in ihren Dankesworten, als sie nach der Vorstellung von Direktor Herbert Föttinger für 50-jährige Ensemblezugehörigkeit mit dem Ehrentitel Doyenne ausgezeichnet wurde.

„Sie ist eine der jüngsten, hübschesten, talentiertesten und bestaussehenden Doyennes der Theatergeschichte“, sagte Föttinger - worauf Nentwich versicherte: „Ich liebe zurück und zuneige zurück! Aber ich habe mich auch gefragt: Wos woar mei Leistung?“ Alt werden sei schließlich kein Verdienst, und auch dafür, dass man sie an der Josefstadt vor 50 Jahren „eingefangen und dann nicht mehr ausgelassen“ habe, könne sie nichts. Das Premierenpublikum war da durchaus anderer Ansicht und lieferte Standing Ovations. Und ein von Routine geprägter Abend fand ein glückliches, außergewöhnliches Ende.

(S E R V I C E - Johann Nestroy: „Der Zerrissene“, Regie: Michael Gampe, Bühnenbild: Erich Uiberlacker, Kostüme: Elisabeth Binder-Neururer, Musikalische Leitung: Thomas Hojsa. Theater in der Josefstadt, Nächste Termine: 3., 16., 17., 20., 21., 25., 26. und 31. Oktober, Karten: 42700 - 300, www.josefstadt.org)


Kommentieren