Ein trauriges Märchen unter rotem Brennglas

Thomas Hettches schillernder Roman „Pfaueninsel“ ist für den Deutschen Buchpreis 2014 nominiert. Zu Recht.

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Thomas Hettches „Pfaueninsel“ ist einer der Favoriten auf den Titel "bester Roman des Jahres".
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Von Bernadette Lietzow

Wien –Ob Thomas Hettche wohl Franz Schuberts eigentümlich-düsteres Lied über den Zwerg, der seine Königin erdrosselt, gehört hat beim Schreiben an seinem bemerkenswerten Roman „Pfaueninsel”? Am roten Seidenband, das der Königin in Schuberts Lied den Tod bringt, führt Christian, der Zwerg der Pfaueninsel, tändelnd einen Ziegenbock, bevor auch er einen gewaltsamen Tod erleidet. Doch nicht Christian, den virilen, erotisch aktiven und mit der Geilheit der „Normalen“ spielenden Zwerg, stellt der 1964 in der Nähe von Gießen geborene Thomas Hettche ins Zentrum seines Buches. Vielmehr ist es dessen Schwester Marie, entlang deren langen Lebens der Romancier die Geschichte eines Epochenwandels entwickelt.

Das galante Zeitalter, die Ära von Puderperücken und Schäferspielen, geht langsam seinem Ende entgegen, als Maria Dorothea Strakon 1800 in der Nähe von Berlin, belegt mit demselben Makel wie ihr älterer Bruder, als Tochter eines königlich-preußischen Soldaten geboren wird. Kein Geringerer als der König selbst, Friedrich Wilhelm III., wird sich der früh verwaisten Kinder annehmen und ihnen die von seinem Vater als Liebesnest auserkorene Insel inmitten der Havel, zwischen Berlin und Potsdam, als Wohnort zuweisen. Ab nun, Marie ist sechs Jahre alt, wird dieses einem „flossenschlagenden Wal“ gleichende Eiland ihre Welt und sie, die historische Person, das Schlossfräulein jener Insel sein, von der nach etlichen Jahrzehnten des Bemühens um Formung von Pflanze, Tier und Mensch nichts bleiben wird als der „Glanz der Pfauen“. Fintelmann, der für die Insel zuständige Hofgärtner, garantiert mit seiner Güte den Geschwistern ein weitgehend gesichertes Aufwachsen, eingebunden in seinen Haushalt, dem seine geschiedene Schwägerin mit deren Kindern angehört.

Gustav, Fintelmanns Neffe und späterer Nachfolger, ist in besonderer und besonders intimer Weise mit den kleinwüchsigen Geschwistern verbunden: Von ihm wird Marie ein Kind empfangen, er wird es sein, der die Zwergin Jahrzehnte vor ihrem realen Tod innerlich zerstört und durch seine Hand wird ihr Bruder sterben. Alle drei sind Opfer oder Macher ihrer Zeit. Der Drang nach Normierung, Klassifizierung und Beherrschung der Natur, der das 19. Jahrhundert prägt, erreicht auch die Pfaueninsel, identifiziert Marie und Christian als „Abnorme“ und verwandelt die einstige Idylle in eine grelle Menagerie.

Auf der nun unter der Ägide des berühmten Gartenarchitekten Lenné streng nach Sichtachsen und anderen ästhetischen Forderungen gestalteten Insel ergötzen sich Schaulustige nicht nur an exotischen Tieren und Pflanzen, sondern auch am tätowierten Südseeinsulaner Maithey, am Riesen Carl und nicht zuletzt an der zwergenhaften Marie. Sie, die kluge, belesene, sehnende Frau wird bis zum Tod der verstörenden und zutiefst elementaren Frage nach ihrem Sein als Pflanze, Ding oder Tier nachgehen. Hettche, der große Stilist, setzt ihr wie den Pflanzen, von der zur blauen Blüte gezwungenen Hortensie bis zu den geknechteten Palmen, den ob der Kälte massenhaft sterbenden Tieren vom Löwen bis zu den Kängurus, ein unendlich berührendes und sprachlich bestechendes Denkmal. Heute Abend, zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse, wird der Gewinner des diesjährigen Deutschen Buchpreises bekannt gegeben. Die Chancen für Thomas Hettche stehen gut. ­­

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Roman Thomas Hettche: Pfaueninsel. Kiepenheuer & Witsch, 352 Seiten, 20,60 Euro.


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