Zach Braff: Vom ständigen Kampf „im Hier und Jetzt zu sein“

Wien (APA) - Zehn Jahre nach „Garden State“ veröffentlicht Zach Braff mit „Wish I Was Here“ seinen zweiten, sehr persönlichen Film. Ab Freit...

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Wien (APA) - Zehn Jahre nach „Garden State“ veröffentlicht Zach Braff mit „Wish I Was Here“ seinen zweiten, sehr persönlichen Film. Ab Freitag ist der Filmemacher in der zur Hälfte per Crowdfunding realisierten Produktion als Jungvater Aidan zu sehen. Mit der APA sprach er über seine eigene Kindheit in einer streng religiösen Familie, seine Tagträumer-Anwandlungen und die schönen Nachwirkungen von „Scrubs“.

APA: „Garden State“ war ein sehr persönlicher Film. Was hat Sie zehn Jahre später zu „Wish I Was Here“ inspiriert?

Braff: Beide Filme sind Versionen meines Lebens. Sie sind nicht Memoiren per se, aber haben etwas Persönliches und ich füge Fiktion hinzu, um eine Geschichte zu erzählen. In diesem Fall habe ich die Geschichte mit meinem Bruder (Adam Braff, Anm.) geschrieben. Aidan (die Hauptfigur, Anm.) ist gewissermaßen eine Kombination seines und meines Lebens. Wie bei „Garden State“ dachte ich mir: Jetzt, in diesem Alter, kann ich über das schreiben, was ich fühle und welche Erfahrungen ich gemacht habe, kombiniert mit jenen meines Bruders. Er hat zwei kleine Kinder und ist der, der sich primär um sie kümmert, verfolgt seine kreativen Träume, während seine Frau einen eher „normalen“ Job hat. Wir haben unsere Leben gewissermaßen kombiniert und adaptiert.

APA: „Wish I Was Here“ steht als Titel für das physische, aber doch nicht hundertprozentige „da sein“. Ein Gefühl, das Ihnen vertraut ist?

Braff: Für mich ist es ein ständiger Kampf im Hier und Jetzt zu sein, sich nicht wegen Fehlern der Vergangenheit zu malträtieren oder sich wegen der Zukunft zu sorgen. Es gibt diesen alten Spruch: „Wenn du Reis wäscht, wasche Reis.“ Ich denke immer daran, egal, was ich tue. Über diesen ständigen Kampf, diese Sehnsucht, in der Gegenwart zu leben, sollte der Film erzählen. Ich hatte das Gefühl, dass niemand bisher Spiritualität für säkulare Menschen in einer modernen Art und Weise im Film erzählt hat. Ich bin selbst religiös aufgewachsen, und kenne viele Leute, denen Religion von ihren Eltern vorgesetzt wurde. Jetzt, als Erwachsener, beschäftigst du dich damit, fragst dich: Woran glaube ich wirklich? Ich war von so vielen Menschen umgeben, die nicht religiös waren, aber nach einer Art von Kontext gesucht haben, einen Weg, einen Sinn darin zu sehen, auf diesem Planeten zu sein. Wie erzählt man das, ohne zu rührselig zu werden? Die Idee war also, es auf eine lustige, herzerwärmende Weise zu machen mit dieser Familie, die sich schwer damit tut zu lernen, „hier“ zu sein.

APA: Sind Sie selbst religiös aufgewachsen und haben gute Erinnerungen daran?

Braff: Mein Bruder ist zehn Jahre älter als ich und ging in eine wesentlich religiösere Schule als ich, als ich klein war, in so eine orthodoxe Jeschiwa. Bis zu der Zeit, als ich in die Schule kam, waren meine Eltern schon ein wenig lockerer. Ich war an einer normalen Schule, wechselte danach aber in eine hebräische Schule. Ich erinnere mich, dass es meinem Vater sehr wichtig war. Wir haben koscher gelebt, sehr religiös. Aber je älter wir wurden, desto weniger hat es uns bedeutet. Es hatte nicht dieselbe Wirkung für uns, die es für ihn hatte. Sobald man älter wird, und sich fragt, was man wirklich glaubt, und sobald man selbst Vater wird - was ich noch nicht bin, aber mein Bruder schon, - denkt man sich: ‚Was erzähle ich meinen Kindern?‘ Jedenfalls nicht das, was meine Eltern mir beigebracht haben, denn das hat keine Bedeutung für mich. Ich dachte mir, es gibt so viele Eltern da draußen, und viele, die es einmal werden, die sich damit identifizieren können.

APA: Im Film kämpft Aidan damit, eigene schlechte Angewohnheiten wie das Fluchen für seine Kinder aufzugeben. Von was könnten Sie sich nur schwer trennen, wenn Sie Vater werden?

Braff: Bestimmt vom Fluchen. Ich müsste aufhören, unangebrachte Dinge zu sagen, weil ich mich selbst nicht zensiere.

APA: Ob in „Garden State“, „Wish I Was Here“ oder „Scrubs“: Sie verkörpern gerne Tagträumer, die in ihre eigenen Welten wegdriften. Können Sie sich damit identifizieren?

Braff: Damit kann ich mich sehr gut identifizieren und es ist etwas, das all diese drei gemeinsam haben. Ich bin immer am Tagträumen - wenn auch nicht auf die ausschweifende Art und Weise, wie J.D. in „Scrubs“ es tut. Ich wurde oft von Menschen, vor allem Ex-Freundinnen, darauf hingewiesen. Ich drifte plötzlich weg, wenn ich an ein Projekt denke, das ich realisieren will, oder von einer Filmidee träume. Ich verrenne mich da leicht. Dann verschwinde ich in meine eigene Welt.

APA: Auch vier Jahre nach dem Ende wird „Scrubs“ hier in Wiederholungen gezeigt, wann immer man den Fernseher nachmittags einschaltet.

Braff: Ich glaube, „Scrubs“ ist in Deutschland und Österreich so viel populärer, als es je in den USA war. Das ist großartig! Ich habe hier so eine loyale Fangemeinde.

APA: Hatten Sie Schwierigkeiten, sich von dieser Rolle seither loszusagen?

Braff: Nein, ich denke nicht. Ich versuche, Rollen zu wählen, die J.D. nicht ähnlich sind. Seit „Scrubs“ habe ich auch nichts mehr gemacht, was so albern ist. Ich will das aber auf jeden Fall wieder machen, weil ich es ganz einfach liebe. Es gibt Schauspieler, die vor dem flüchten wollen, für das sie berühmt geworden sind, aber so fühle ich mich überhaupt nicht. Wenn Fans auf mich zukommen und mit mir Insider-Witze von „Scrubs“ austauschen wollen, macht mir das Spaß. Ich stelle mir vor, wir gehören alle einer Art Club an, und erzählen uns geheime Witze.

APA: Ihre Fangemeinde hat Ihnen auch geholfen, Ihren Film zu finanzieren. Wie sind Sie auf Crowdfunding gestoßen?

Braff: Die Idee dahinter war: Wenn du einen Film Financiers präsentierst, wirst du mit so vielen Kompromissen konfrontiert: „Du musst dies und das schneiden, das und jenes verändern, wir geben dir nur halb so viel Geld; möchten, dass du diesen und jenen besetzt.“ Üblicherweise - und so lief es immer schon - sagen Filmemacher dann: „Na gut, ok, ich gehe den Kompromiss ein, muss eben Zugeständnisse machen.“ Als dann dieser eine große Kickstarter-Erfolg bei „Veronica Mars“ einschlug, dachte ich mir: Ich habe so tolle, loyale Fans online, sollen wir das probieren? Wenn ich ein bisschen von meinem eigenen Geld investiere, und den Rest mit Crowdfunding auftreibe, gäbe es keinen Konzern, mit dem man sich herumschlagen muss, niemanden, der uns sagt, was wir zu tun haben. Vielleicht wäre es ein cooles Experiment. Als wir gestartet haben, hatten wir einen Monat, um das Geld aufzutreiben - und haben es in gerade mal 48 Stunden geschafft. Das war verrückt, unglaublich! Einfach nur, weil meine Fans so großartig sind. Es war viel Arbeit, aber wir haben es geschafft und diesen Film von den Fans und für die Fans gemacht.

APA: Sie haben dieses Jahr Ihr Broadway-Debüt gegeben. Haben Sie wie Filmfigur Aidan das Gefühl, sich schauspielerisch Ihre Träume erfüllt zu haben?

Braff: Ich habe noch lange nicht das Gefühl, all meine Träume verwirklicht zu haben. Es gibt so viele Filme, die ich machen will, und so viele großartige Künstler, mit denen ich arbeiten will. Ich weiß nicht, was als nächstes kommt. Ich mag es, mich ständig zu verändern, nicht immer nur dasselbe zu machen. Wie gesagt, gerade erst war ich am Broadway, jetzt bringe ich „Wish I Was Here“ raus, vielleicht gehe ich zurück ins Fernsehen. Ich weiß es nicht - ich will auf jeden Fall immer etwas anderes machen.

(Das Gespräch führte Angelika Prawda/APA)


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