„Bleeding Edge“: Thomas Pynchon als Jules Verne des 21. Jahrhunderts

Wien (APA) - Thomas Pynchon ist ein Phänomen: Nahezu jeder kennt ihn, obwohl er seit vielen Jahren nicht mehr in der Öffentlichkeit auftritt...

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Wien (APA) - Thomas Pynchon ist ein Phänomen: Nahezu jeder kennt ihn, obwohl er seit vielen Jahren nicht mehr in der Öffentlichkeit auftritt, die einzigen Fotos den heute 77-Jährigen als Jugendlichen zeigen und er seine Gastauftritte bei „The Simpsons“ mit Sack über dem Kopf (aber angeblich mit echter Stimme) absolviert. Seit langem gilt er als Kandidat für den Literaturnobelpreis (aktuelle Wettquote: 25/1).

Auch die Bücher Pynchons gleichen Phantomen. Titel wie „V.“ (1963), „Die Enden der Parabel“ (1973), „Vineland“ (1990), „Mason & Dixon“ (1997) oder „Gegen den Tag“ (2006) zu kennen, gehört zum guten Ton. Wirklich gelesen haben seine teils sehr umfangreichen Romane nicht allzu viele Menschen. Das wird sich auch bei seinem soeben in der hervorragenden deutschen Übersetzung von Dirk van Gunsteren erschienenen jüngsten Werk „Bleeding Edge“ kaum ändern. 605 Seiten ist der Roman dick. Das wäre, man muss es leider sagen, nicht notwendig gewesen.

Natürlich ist auch dieses Buch Pynchons immer wieder ein Lesevergnügen, bietet stellenweise Erzählkunst vom Feinsten, hat Formulierungen, die man bewundert, und Pointen, die punktgenau gesetzt werden. Aber zwischendurch geht es über längere Passagen weniger unterhaltend als geschwätzig zu. Vieles wollte man nicht unbedingt so genau erfahren, zumal sich der Autor auch diesmal bei der Erfindung von Randfiguren und Nebencharakteren nicht zurückgehalten hat.

Der Begriff „Bleeding Edge“ bezeichnet brandneue technische Entwicklungen, die noch nicht Produktionsreife erzielt haben, an denen also noch herumgebastelt wird. Auch in Pynchons Roman bekommt man manches geboten, von dem man sich fragt, ob hier geflunkert wird, oder der ehemalige Physik-Student und Boeing-Mitarbeiter mehr weiß als der Durchschnittsbürger. Ok, einen „Vircator“, mit dem man mittels starker elektromagnetischer Impulse alles elektronische Geschehen lahmlegen kann, scheint es tatsächlich zu geben, aber einen „Naser“, einen olfaktorischen Taser, der Geruchsschocks auszulösen versteht?

Der Roman „Bleeding Edge“ hingegen oszilliert unentschlossen zwischen Avantgarde-Look und Retro-Style. Denn er spielt im New York des Jahres 2001 und lässt die Welt gerade das Internet entdecken. Die Geeks tummeln sich im „DeepArcher“, einem geheimnisvollen Deep Web, das verdammt an Second Life erinnert, und träumen von künftigen Zeiten, in denen mit Mobiltelefonen kombinierte Minicomputer zur Grundausstattung jedes Bürgers gehören (und damit dessen komplette und flächendeckende Überwachung sicherstellen). Da wirkt Thomas Pynchon mehr als bloß ein bisschen wie ein Jules Verne des 21. Jahrhunderts. Aus der nahen Vergangenheit in unsere Gegenwart zu schauen, wirkt aber manchmal erstaunlich witzlos.

Über einige Portionen Witz und Frechheit verfügt dagegen Pynchons Protagonistin Maxine Tarnow, Inhaberin der kleinen Betrugsermittlungsagentur „Ertappt - Geschnappt“, die aufgrund eher flexibler Auslegung der strengen Standesregeln ihres Gewerbes ihre offizielle Lizenz verloren, dafür jede Menge ebenso zahlungskräftige wie zwielichtige Kunden gewonnen hat. Sie lebt an der Upper West Side mit ihren Söhnen Ziggy und Otis sowie ihrem Ex-Mann Horst, zu dem der Beziehungsstatus allerlei Ups und Downs unterworfen ist, ist aber ohnedies die meiste Zeit mit Freundinnen oder Klienten unterwegs.

Mit so vielen ganz- oder halbkriminellen Machenschaften, düsteren oder verbotenen Gestalten kommt Maxine im Laufe des Romans in Berührung, dass man bald den Überblick verliert - zumal man im „DeepArcher“ Avataren begegnet, deren Eigentümer in der echten Welt für tot gelten, in der virtuellen jedoch anscheinend weiterleben.

Nach 400 Romanseiten fallen die Twin Towers und man wartet gespannt darauf, wie sehr sich das Leben von Maxine und ihrer Umgebung verändert. Erstaunlich wenig, muss man sagen. Die tief getroffene und blutende Nation ist in „Bleeding Edge“ nur oberflächlich eingefangen. Dass 9/11 und der folgende War on Terror so wenig Spuren in diesem Buch hinterlassen, ist die größte Überraschung eines Romans, von dem man sich mehr erwartet hat.

(S E R V I C E - Thomas Pynchon: „Bleeding Edge“, Übersetzt von Dirk van Gunsteren, Rowohlt, 606 S., 30,80 Euro)


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