Marlene Streeruwitz: „Ich klage nicht, ich kritisiere“

Marlene Streeruwitz stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis, der am Montag in Frankfurt vergeben wird. Im TT-Gespräch erklärt sie, warum sie sich aus dieser „Horrorshow“ herausreklamiert hat.

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Ein bedeutender deutscher Verlag hat Interview-Möglichkeiten mit seinen Autorinnen und Autoren während der anstehenden Frankfurter Buchmesse mit „Ran an die Buletten“ überschrieben. Eine Ankündigung, die viel über die Rolle der Schreibenden im Literaturbetrieb sagt.

Marlene Streeruwitz: Das klingt für mich nach Menschenopfer. Unwürdig und zerstörerisch. Gut, dass ich mich da rausreklamiert habe.

Ihr Roman „Nachkommen.“ stand auf der Longlist für den im Vorfeld der Buchmesse vergebenen Deutschen Buchpreis, doch Sie haben öffentlich auf eine Teilnahme an diesem „Wettbewerb“ verzichtet.

Streeruwitz: Ich stand nicht auf der Longlist für den Buchpreis, da es einen „Autor“ Marlene Streeruwitz nicht gibt. Das habe ich in einem Beitrag für Die Welt geschrieben – und der Jury gewissermaßen den Fehdehandschuh hingeworfen. Die Jury hat darauf reagiert und brav nach den Vorstellungen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ausgewählt: bitte keine Widerspenstigen.

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Auch in „Nachkommen.“ gehen Sie hart mit dem Ritual der Buchpreisverleihung ins Gericht. Sie lassen die 20-jährige Nelia Fehn die Erfahrungen machen, die Sie selbst 2011, als Sie für „Die Schmerzmacherin.“ auf der Shortlist standen, gemacht haben. War es tatsächlich so schlimm?

Streeruwitz: Schlimmer. Man macht den ganzen Zirkus mit, das Adrenalin steigt auf 300 Prozent – und dann wird man fallen gelassen. Plötzlich ist man unsichtbar. Meine Figur ist Debütantin, die von dem, was sie erlebt, verstört ist. Aber bei einer Autorin, deren Karriere auf einer relativ hohen Stufe steht, ist die Auslöschung kompletter. Ich bin wie ein Geist durch die Buchmesse gegangen. Aber ich will nicht jammern, sondern Falsches benennen. Ich klage nicht, ich kritisiere. Deshalb habe ich ja 2011 mitgemacht. Ich habe vermutet, dass es eine ziemliche Horrorshow wird, aber man muss einmal mitgemacht haben, um sagen zu können: Es ist falsch. Nachgewiesen.

Inwiefern falsch?

Streeruwitz: Zunächst dachte ich mir: Nimm es sportlich. Aber Sport funktioniert anders. Literatur muss anders behandelt werden als ein 100-Meter-Lauf. Vorsichtiger und eben nicht von einer Jury, die nur sagt: „Vielleicht nehmen wir dich, meine Liebe, vielleicht.“ Das ist wie eine Brautschau, so wie im Märchen: Die Frauen stehen aufgereiht da – und vielleicht werden sie ja Prinzessin, wenn der Schuh passt. Vielleicht. Das ist doch widerlich.

Aber in der Jury sitzen namhafte Kritikerinnen und Kritiker, die sich mit der Materie auskennen.

Streeruwitz: Meines Erachtens zeigt der Buchpreis, dass sich die Kritik als Institution selbst vergessen hat. Wenn die Jurysprecherin in der offiziellen Pressemitteilung zur Longlist schreibt, dass sie sich „manch mittelmäßige Lektüre gern erspart hätte“, dann kann ich das nicht mehr ernst nehmen. Keine Erklärung, keine Kriterien, nur „mittelmäßig“, ein reines Geschmacksurteil, wie bei einer Restaurantkritik. Wobei, die sind inzwischen besser. Ich glaube, dass Restaurant- und Weinkritik inzwischen besser ist als die Literaturkritik.

Als Kritiker muss ich da jetzt widersprechen ...

Streeruwitz: Was hat es mit ernsthafter Auseinandersetzung zu tun, wenn Leute in eine Jury gehen, um eine 20er-Liste herzustellen, dann noch mal 14 Bücher rausschmeißen – ohne Angabe von Kriterien – und letztlich den „besten Roman“ küren. Es wäre besser, sie würden das im stillen Kämmerchen tun, irgendwann rauskommen und sagen: „Das ist das Siegerbuch.“ Den Wettbewerbscharakter finde ich beim Bachmann-Preis genauso falsch wie beim Buchpreis.

Der Buchpreis ist letztlich ein Werbemittel des Buchhandels.

Streeruwitz: Es ist der Sieg der Vermittlungsebene über die Produktion. Wie überall in der Wirtschaft gelten die, die produzieren, nichts mehr. Nur das, was sich vermarkten lässt, gilt: Letztlich geht es darum, die Literatur kleiner zu machen und die Autorinnen und Autoren zu Männchen zu machen, die irgendwo he­rumhüpfen. Was ja das genaue Gegenteil von dem ist, was Schreibende tun. Da wäre es doch klüger und sparsamer zu sagen: „Wir wollen keine Literatur mehr, geht nach Hause.“ Aber so langsam gemordet zu werden, ist ein elender Vorgang.

Gerade ist das Buch, um das es in „Nachkommen.“ geht, tatsächlich erschienen. Sie haben diese „Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland“ als Nelia Fehn geschrieben. War dieses – der Einfachheit halber – literarische Spiel von Anfang an so geplant?

Streeruwitz: Die Möglichkeit einer Collage beider Texte stand eine Zeit lang im Raum. Ähnlich wie es beispielsweise William Faulkner gemacht hat. Aber dieses Verfahren schien mir irgendwie zu gravitätisch, altmodisch. Ich hätte das Buch gerne unter einem Pseudonym geschrieben, aber dagegen hat sich mein Verlag gewehrt. Da stand das Projekt kurz vor dem Aus.

Man wollte auf den zugkräftigen Namen Streeruwitz nicht verzichten.

Streeruwitz: Eher war es die Befürchtung, dass die Kritik es nicht goutiert, wenn sie an der Nase herumgeführt wird. Obwohl ja ausgerechnet mein eigener Verlagschef Jörg Bong unter dem Pseudonym Jean-Luc Bannalec äußerst erfolgreiche Krimis schreibt. Aber was einem Großverleger verziehen wird, wird einer Autorin scheinbar nicht verziehen.

In Ihrer Poetik-Vorlesung bezeichnen Sie „jeden vollständigen Satz“ als Lüge. Als Nelia Fehn schreiben Sie vollständige Sätze.

Streeruwitz: Es galt, dem Projekt treu zu bleiben. Einer 20-Jährigen lässt sich kein formales Projekt unterschieben. Es sollte ja ein Tagebuch sein, die Reflexion einer Reise. Deshalb musste ich eine direktere – auch direkter politische – Sprache für ihr Erstaunen und den Zorn finden, für ihren gewissermaßen keuschen Blick auf das, was passiert.

Das Gespräch führte Joachim Leitner


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