Schulanfang in den USA: Ranzen, Bücher, Sturmgewehre

Los Angeles (APA/dpa) - Ein sonniger Morgen im Süden Kaliforniens. Die Ferien sind vorbei, und die Schüler kehren wieder an die Walton Middl...

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Los Angeles (APA/dpa) - Ein sonniger Morgen im Süden Kaliforniens. Die Ferien sind vorbei, und die Schüler kehren wieder an die Walton Middle School in dem Vorort der Millionenmetropole Los Angeles, zurück. Die Stimmung ist gut, die Elf bis Vierzehnjährigen begrüßen ausgelassen ihre Freunde.

Kaum jemand unter den Eltern und Schülern denkt an Gefahren - wie etwa die Schießerei in der Volksschule in Newtown im Bundesstaat Connecticut vor zwei Jahren, als 20 Kinder und sechs Erwachsene im Kugelhagel starben. Die Schulbehörden jedoch haben sich darüber Gedanken gemacht, und ab diesem Schuljahr darf die Schulpolizei in Compton halbautomatische Waffen tragen. Damit sollen Schüler und Lehrer besser beschützt werden.

Compton ist nur einer von mehreren Schulbezirken in den USA, die den Sicherheitskräften an Schulen schwerere Waffen als die üblichen Dienstpistolen erlauben. Die Kinder an der Walton-Schule werden die AR-15 Gewehre der Polizisten hoffentlich nie zu Gesicht bekommen. Die Waffen sind in den Streifenwagen eingeschlossen und sollen nur im Fall einer Ausnahmesituation zum Einsatz kommen, wenn die üblichen Faustfeuerwaffen nicht ausreichen. Dies betont das Schulamt.

Die mächtige US-Waffenlobby NRA hat sich nach der Newtown-Tragödie für stärkere Bewaffnung der Sicherheitskräfte an Schulen stark gemacht. Forderungen nach strengeren Kontrollen bei Waffenkäufen verhallten hingegen ungehört. In Kalifornien erlauben mindestens fünf weitere Schulbezirke den Einsatz von AR-15 Modellen. Auch in Bundesstaaten wie Utah und Kansas sind diese Medienberichten zufolge im Einsatz.

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Mit ihrer Entscheidung für die Waffen wollen die Schulbehörden die Kinder schützen. „Unser Ziel ist klar - wir wollen Leben retten“, sagte der Leiter der Schulpolizei in Compton, William Wu, nach der Entscheidung im Juli. „Diese Gewehre geben uns mehr Flexibilität wenn jemand mit bösen Absichten den Campus betritt.“

Manche Familien wissen gar nichts von den neuen Regeln. „Ich finde es gut. Zu viele Kinder werden getötet. Wir brauchen mehr Wachmänner“, meint etwa die Pensionistin Kathy. Ihre zwei Enkel besuchen eine andere Schule in Compton. Die Schulpolizei müsse auch die Rucksäcke der Kinder durchsuchen, fordert sie.

Doch es finden sich auch Gegenstimmen. Comptons Bürgermeisterin Aya Brown forderte das Schulamt auf, die Entscheidung zu überdenken. Die Schulpolizei mit so schweren Waffen auszustatten, sei eine Entscheidung in die die ganze Gemeinde eingebunden werden müsse. Von der Bürgerrechtsbewegung NAACP kam ebenfalls Widerstand. „Comptons Schulen sind nicht in Beirut, Gaza oder Kabul“, sagte die Ortsvorsitzende Paulette Simpson-Gipson der „Los Angeles Times“.

Auch einige der Eltern, die ihre Kinder an der Walton-Schule absetzen, sind dagegen. „Es ist ein Witz“, sagt der Vater Rico. Seine Tochter besucht die sechste Klasse. „Einfache Handfeuerwaffen, die Gummipatronen abfeuern, müssten doch ausreichen.“ Das Thema wird sogar zum Streitpunkt zwischen Ehepaaren: „Ich glaube, es ist eine gute Idee. Es ist zwar vielleicht unbequem, aber es kann verhindern, dass Schüler andere Kinder töten“, meint Jose Rodríguez. Aber seine Frau Maya hält dagegen: „Es ist eine schlechte Idee. Wir brauchen mehr Bildung und Kultur.“

Compton hat keine friedliche Vergangenheit. 1992 kam es hier zu gewalttätigen Zusammenstößen, als weiße Polizisten nach der Prügelattacke auf den schwarzen Rodney King vor Gericht freigesprochen wurden. Die meisten der etwa 100.000 Einwohner sind Afroamerikaner oder Latinos. Die Mordrate war im vergangenen Jahr höher als in den meisten anderen Stadtbezirken von Los Angeles, berichtete die „LA Times“.

Die Dinge scheinen sich jedoch zu ändern. Der Park gegenüber der Schule ist gepflegt, die Schule selbst öffnet sich zur Straße, nur ein Sicherheitsbeamter begrüßt die Schüler.

Ron Suazo, der Sprecher der Schulpolizei in Compton, will über das Thema nicht mehr reden. „Ich weiß nicht, wie es zu all dem gekommen ist. Compton kriegt so viel schlechte Presse, aber hier passieren so viele gute Dinge, die Aufmerksamkeit verdienen“, sagt er.

Ab wann die AR-15s in den Kofferräumen der Streifenwagen liegen werden, ist nicht klar. Die Beamten müssen zunächst geschult werden und die Berechtigung für das Führen dieser Waffen erhalten. Auch muss die Schulpolizei die Kosten für die Anschaffung selbst tragen. Die Gewehre kosten etwa 1.000 US-Dollar (760 Euro) das Stück.


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