Seltsam verstiegen: Roths „Radetzkymarsch“ am Landestheater NÖ

St. Pölten (APA) - Auch in St. Pölten geht die altösterreichische Monarchie jubiläumsjahresgemäß den Bach hinunter. Diesmal am Landestheater...

  • Artikel
  • Diskussion

St. Pölten (APA) - Auch in St. Pölten geht die altösterreichische Monarchie jubiläumsjahresgemäß den Bach hinunter. Diesmal am Landestheater NÖ, wo Philipp Hauß sich an eine Neufassung von Joseph Roths „Radetzkymarsch“ gewagt hat. Bei der Premiere am Freitagabend blieb manche Erwartung uneingelöst, zu seltsam verstiegen wirkte der offenkundige Versuch, verfänglicher k & k-Nostalgie um jeden Preis zu entgehen.

Der kaiserliche Backenbart als überdimensioniertes Pappkameradenporträt dominiert das ziemlich grob geratene Bühnenbild von Martin Schepers, auf dessen Schräge die Akteure umhersteigen und herumpurzeln, als wäre das heutzutage noch irgendwie originell. Dass die Produktion „Radetzkymarsch und Die Rebellion“ betitelt ist, verdankt sich dem Umstand, dass Hauß zwei Roth-Romane ineinander verschachtelt, was zu einer wenig ergiebigen Parallelaktion führt und letztlich in eine sehr gezwungen wirkende Zusammenführung der Stränge mündet.

Michael Scherff hat die undankbare Aufgabe, sowohl den beinamputierten Kriegsveteranen als auch den Baron Franz von Trotta zu verkörpern, letzteren mit wallender Pavianperücke im violetten Bademantel. Wojo van Brouwer als teigiger Sohn ist kein sonderlicher Sympathieträger, Myriam Schröder erweist sich in mehreren Rollen als einigermaßen wandlungsfähig, Moritz Vierboom stellt als jüdischer Doktor Demant, der im Duell fällt, am ehesten einen fassbaren Charakter dar, Jan Walter ist ein skurriler Graf Chojnicki.

Eher Ausflug ins überzeichnet Surreale als stimmiger Abgesang, scheint sich die knapp dreistündige Produktion in selbstgefälligem Wiederkäuen chronisch altbekannter Regie-Gags - von chorischer Deklamation bis zum kollektiven Bierbad an der von leichengeschminkten Zechern besetzten Jedermann-Tafel - zu ergehen. Zwischendurch wird die Kulisse mit Brettern vernagelt. Fehlten nur noch Videokamera und Spiegel. Roths „Radetzkymarsch“ als expressionistisches Kasperltheater mit viel Gebrülle und quälenden Luftlöchern: Da bleibt denn doch Wesentliches auf der Strecke.

(S E R V I C E - Landestheater NÖ, St. Pölten: Joseph Roth, „Radetzkymarsch und Die Rebellion“. Regie: Philipp Hauß; mit Michael Scherff, Wojo van Brouwer, Myriam Schröder, Tobias Voigt, Moritz Vierboom, Aline Joers, Jan Walter u.a.; Aufführungen bis 31. Dezember, Gastspiele am 21./22. Oktober im Stadttheater der Bühne Baden, am 04. November im Stadttheater Wiener Neustadt, am 16. Dezember im Stadttheater Wels. Tickets und Information: Tel. 02742/908080-600, www.landestheater.net)


Kommentieren