Zwei deutsche Genies: Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ in Salzburg

Salzburg (APA) - Daniel Kehlmanns Helden sind zwei ungleiche Brüder im Geiste. Der Welten-Erforscher Alexander von Humboldt und der Mathemat...

  • Artikel
  • Diskussion

Salzburg (APA) - Daniel Kehlmanns Helden sind zwei ungleiche Brüder im Geiste. Der Welten-Erforscher Alexander von Humboldt und der Mathematiker Carl Friedrich Gauß haben die Welt beeinflusst. Und am Ende ihrer Leben haben diese krass-konträren Wesen einander die Hand gereicht. Gestern, Freitag, Abend war die Österreichpremiere der Bühnenversion des Romans „Die Vermessung der Welt“ im Salzburger Landestheater.

Zwei deutsche Genies, zwei denkbar verschiedene Lebenswege und doch ein Treffen am Ziel. Der eine raufte mit Krokodilen und Kannibalen am Orinoko, bestieg Vulkane, hauste in Erdlöchern, vermaß Steppen, Urwälder und Eismeere und entdeckte über 6.000 unbekannte Pflanzen. Der andere kränkelte herum und kam über Göttingen kaum hinaus. Er bewies vom Kopf aus, dass der Raum gekrümmt ist, erfand den Telegrafen und trieb die Arithmetik entscheidend voran.

Was Kehlmann und die Leser des in 40 Sprachen übersetzten Erfolgs-Romans interessiert haben muss, sind zwei Lebensmodelle im Vergleich. Die Wege von Menschen, die in zwei Richtungen gehen und doch am selben Strang ziehen. Ein Abenteurer und der Stubenhocker mit den Köpfen in den Sternen und der gleichen Angst vor der Liebe.

Auch Goethe ist dabei, der eitle Tropf, und Kant und der Herzog von Braunschweig. Frauen stehen hinten an in dieser deutschen Weltvermessung, die Dirk Engler in einen gut spielbaren Theatertext ohne größere Überflüssigkeiten verwandelt hat. Englers Romanadaption tourt seit 2008 erfolgreich durch deutsche Bühnen und begann nun auch in Salzburg, das österreichische Theaterpublikum zu überzeugen.

Viel zum Premierenapplaus beigetragen haben die Regie von Sarah Kohrs und die Ausstattung von Stefan Mayer. Die beiden haben eine klare, schnörkellose Arbeit vorgelegt, in der die Sprünge über die Zeit und die Kontinente niemals unübersichtlich wurden, auch wenn die Szenen parallel liefen oder einander Schlag auf Schlag abwechselten. Kohrs ließ ein paar Witzchen gelten und ordnete die Kraft der Spieler. Und Bühnenbildner Mayer nutzte die Tiefe des Raums, setzte die Drehbühne oft und sinnvoll ein und konzentrierte sich auf wenige, dafür starke Requisiten, mit denen die Welten nicht naturalistisch ausgemalt (was hätte scheitern müssen), sondern augenzwinkernd symbolisiert wurden.

Auf der Bühne waren Christoph Wieschke als Kraftlackel Humboldt und Marco Dott als Weichei Gauß jeweils gute Besetzungen in Sprache und Gestik. Beide rissen mit, bremsten aus, trieben voran und jammerten herum wie große Kinder. Humboldt und Gauß beim Vermessen der Welt: Oft liebenswert, manchmal ätzend unsympathisch, gelegentlich auch bemitleidenswert. Aber immer unterhaltsam und respektabel.

(S E R V I C E - „Die Vermessung der Welt“, Österreichpremiere im Salzburger Landestheater (Uraufführung 2008 in Braunschweig). Romanvorlage: Daniel Kehlmann: Bühnenfassung: Dirk Engler. Regie: Sarah Kohrs, Ausstattung: Stefan Mayer. Auf der Bühne: Christoph Wieschke als Humboldt, Marco Dott als Gauß, Vilmar Bieri als Polizist, Wilhelm, Büttner, Carlos, Lampe und in weiteren kleinen Rollen. Paul Maresch als Eugen, Bonpland und Forster. Walter Sachers als Sekretär, Goethe, Herzog, Krokodil und in weiteren kleinen Rollen. Claudia Carus als Johanna, Kant und in weiteren kleinen Rollen - www.salzburger-landestheater.at)


Kommentieren