Die Banalität des Bösen: Werner Schwabs „Die Präsidentinnen“ in Graz

Graz (APA) - Sie sind Meisterinnen des Verdrängens, doch das Verdrängte schlägt letztlich mit doppelter Härte zurück: Am Ende bleiben von de...

  • Artikel
  • Diskussion

Graz (APA) - Sie sind Meisterinnen des Verdrängens, doch das Verdrängte schlägt letztlich mit doppelter Härte zurück: Am Ende bleiben von den drei Präsidentinnen aus Werner Schwabs gleichnamigem Stück nur noch zwei über. Simone Blattner hat „Die Präsidentinnen“ 24 Jahre nach der Uraufführung ans Grazer Schauspielhaus gebracht und am Freitag einen konzentrierten Abend mit ausgezeichneten Darstellern geboten.

Das sogenannte Fäkaliendrama „Die Präsidentinnen“ (1990) gehört zu den meist gespielten Stücken Schwabs der vergangenen Jahre und straft alle die Lügen, die den Werken des in Graz geborenen Dramatikers nach seinem frühen Tod nur eine kurze Aktualität prophezeit hatten. 20 Jahre nach seinem Tod inszenierte die Schweizer Regisseurin Simone Blattner dessen bitterböses Stück in seiner Heimatstadt. Mit ihrer ersten Regiearbeit für das Grazer Schauspielhaus schuf sie eine eindringliche Inszenierung, die die von Schwab eingesetzte Kunstsprache voll zur Geltung kommen lässt. Die überzeugende Leistung der drei Darstellerinnen Birgit Stöber, Steffi Krautz und Verena Lercher wurde am Premierenabend vom Publikum mit langem Applaus bedacht.

Die „Präsidentinnen“, das sind die von Schwab selbst sehr zugespitzt gezeichneten beiden älteren Frauen Erna (souverän Birgit Stöger) und die blondperückte, lüsterne Grete (grandios intensiv Steffi Krautz), die sich zu einem gemeinsamen Fernsehabend getroffen haben. Und da ist noch die etwas jüngere „Klofrau“ Mariedl (Verena Lercher stellt gekonnt deren Beschränktheit und Verkrampfung dar), die sich permanent um Anerkennung der beiden bemüht, aber von Anfang an - auch räumlich - im Abseits steht.

Die von Schwab vorgegebene „kleinstbürgerliche Wohnküche“ hat Bühnenbildner Thilo Reuther zu einem 45-Grad-schrägen Schifferboden reduziert, wodurch das Damentrio dem Publikum stets in einer verzerrten Perspektive in starker Untersicht präsentiert wird. Gleichzeitig werden die Frauen dadurch zu ständigen Balanceakten herausfordert, wenn sie die einzigen beiden Sitzgelegenheiten - einen alten Heizkörper und einen Stuhl - benützen wollen. Alles gehalten in einem stumpfen Bronzeton, der die Tristesse, in der sich die Schwab‘schen Figuren befinden, noch unterstreicht. Um sie herum herrscht Dunkelheit, in die sie abzurutschen drohen.

150 x Jahres-Vignette 2022 zu gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

Die Drei versuchen zu vergessen: Den versoffenen Sohn, die vergewaltigte Tochter, die erfahrenen Demütigungen und Enttäuschungen. Dabei verstricken sie sich in absurde Diskussionen und Glücksvisionen. Doch als die einfältige Mariedl ausspricht, was die anderen zu verdrängen suchen, eskaliert die Situation und die sprachlich erfahrene Gewalt wird mit höchster physischer Brutalität vergolten. Schwab hat mit seinem Text vor zwei Jahrzehnten die Zuschauer mit seinem expliziten Fäkalvokabular verstört und ist für manche möglicherweise auch heute noch keine leichte Kost. Vor allem aber hat er schonungslos auf menschliche Abgründe hingewiesen. Die Machtlosigkeit gegenüber der Banalität des Bösen, wie sie in der Grazer Inszenierung, zum Ausdruck kommt, nimmt einem auch heute noch den Atem.

( S E R V I C E - „Die Präsidentinnen“ von Werner Schwab, Regie: Simone Blattner, Bühne: Thilo Reuther, Kostüme: Teresa Vergho. Mit Birgit Stöger, Steffi Krautz und Verena Lercher, Schauspielhaus Graz. Nächste Vorstellungen am 7.., 10., 15., 18., und 30. Oktober sowie im November. http://www.schauspielhaus-graz.com)


Kommentieren