„Je refuse“ - Sartre wehrte sich gegen den Literaturnobelpreis

Stockholm (APA/AFP) - Was macht noch berühmter als der Nobelpreis? Der Versuch, die wichtigste Auszeichnung der Welt abzulehnen. So machte e...

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Stockholm (APA/AFP) - Was macht noch berühmter als der Nobelpreis? Der Versuch, die wichtigste Auszeichnung der Welt abzulehnen. So machte es Jean-Paul Sartre, der französische Schriftsteller und Philosoph, vor 50 Jahren. Als ihm am 22. Oktober 1964 ein Journalist die Kunde in einem Pariser Restaurant überbringt, er erhalte den Literaturnobelpreis, da erwidert der Existenzialist ungerührt: „Je refuse“ - „Ich lehne ab“.

In Paris und weit darüber hinaus ist die Aufregung hingegen groß. Es ist das erste Mal, dass ein Auserwählter die Entscheidung des Stockholmer Nobel-Komitees brüsk zurückweist. Überall werden zunächst die Köpfe geschüttelt.

„Er hatte zwei Gründe, und sie waren authentisch“, sagt der Philosoph und Sartre-Fachmann Andre Guigot. „Er hatte Angst, vor der Vollendung seines Werkes lebendig begraben zu werden, er nannte das den Kuss des Todes. Und zweitens gründet sein Existenzialismus auf einer Kritik an allen Institutionen, die er als tödlich ansah. Er wollte nicht durch sie seiner selbst enteignet werden.“

Doch so leicht kann sich auch ein Sartre nicht gegen die Institutionen wehren. Die Nobelpreisregeln geben einem Preisträger nicht das Privileg anzunehmen oder abzulehnen. Die Schweden seien in dem Punkt von Anfang an klar gewesen, sagt Antoine Jacob, der ein Buch über die Geschichte des Nobelpreises geschrieben hat. „Sartre war ausgewählt worden, nun würde sein Name auch in Stein eingemeißelt werden.“ Der festlichen Verleihungszeremonie am 10. Dezember bleibt Sartre dennoch fern. Und er schlägt auch das Preisgeld von 273.000 Kronen aus, was einem heutigen Wert von etwa 300.000 Euro entsprach.

Der Autor von „Geschlossene Gesellschaft“ und „Das Sein und das Nichts“ rechtfertigte sich in einem Text für die schwedische Presse ausführlich. Er versuchte sogar, seine Wahl zu verhindern. Nachdem er in der französischen Zeitung „Le Figaro“ gelesen hatte, dass er der große Favorit sei, informierte er die Akademie in Stockholm von seiner ablehnenden Haltung. Der Legende zufolge wurde der Brief zu spät geöffnet. Womöglich hätte ein rechtzeitiges Eintreffen auch nichts mehr geändert, weil die Entscheidung schon gefallen war.

Die Geste Sartres erhitzt noch heute die Gemüter. In Frankreich wird sie überwiegend als konsequente Entscheidung in Einklang mit seinen Positionen und seinem Werk gesehen und nicht als Ausdruck von Arroganz. „Doch letzten Endes ist es eine sehr bürgerliche Haltung, einen Preis abzulehnen“, wundert sich indes noch heute sein Philosophen-Kollege Guigot.

Vor Sartre war es dem schwedischen Poeten Erik Axel Karlfeldt gelungen, die Nobel-Akademie zumindest vorübergehend zu bewegen, ihn nicht mit dem Preis zu behelligen. Er stand 1919 ganz oben auf der Liste, wurde nach seiner Intervention dann aber nicht ausgewählt. Der Preis holte ihn allerdings 1931 ein, wenngleich er da schon nicht mehr lebte. Eine posthume Auszeichnung war damals noch möglich.

In die Fußstapfen Sartres stieg 1973 der vietnamesische Regierungschef Le Duc Tho, allerdings aus ganz anderen Gründen. Er verweigerte die Annahme des Friedensnobelpreises, weil er sich die Auszeichnung mit dem damaligen US-Außenminister Henry Kissinger teilen sollte.


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