Wissen, wie es geht: Polleschs neues Stück wird in Stuttgart gefeiert

Stuttgart (APA/dpa) - Der Zwang zum Kreativsein, dem mittlerweile jeder folgt, nimmt sich Rene Pollesch in seinem neuen Stück „Du weißt einf...

  • Artikel
  • Diskussion

Stuttgart (APA/dpa) - Der Zwang zum Kreativsein, dem mittlerweile jeder folgt, nimmt sich Rene Pollesch in seinem neuen Stück „Du weißt einfach nicht, was die Arbeit ist“ an. Nach Ansicht des Gegenwartsdramatikers und Regisseurs sind es die „nicht sehr konsensfähigen Sachen“, die bei der Uraufführung am Samstagabend auf die Bühne des Stuttgarter Kammertheaters gebracht wurden. Beifall hat es dennoch reichlich gegeben.

„Ich glaube nicht, dass man alles verstehen kann“, sagt Pollesch (51) selbst über sein Stück. Wie auch in anderen seiner Werke gibt es keinen echten Handlungsstrang und keine eindeutigen Charaktere. Die vier Protagonisten sind vielmehr Sprachrohr philosophischer Betrachtungen wie die von Kulturkritiker Slavoj Zizek („Man denke nur an die Sackgasse der Sexualität und Kunst heute“) oder von den Gedanken Polleschs (Was die Arbeit ist? „Wissen, wie es geht und nichts dazu machen“). Das sorgt mal für Erheiterung, mal für konzentriertes Lauschen im Saal.

Das Stück startet hinter den Kulissen, wo sich die Protagonisten auch die meiste Zeit befinden - redend und rauchend. Sichtbar wird das Treiben abseits der Bühne nur auf einer Leinwand, die sich in das symbolträchtige Bühnenbild zwischen gelbe Sichel und christliche Heiligtümer einfügt - und auch mal zum Ärgernis von Polleschs Figuren beiträgt: „Ist das eine Leinwand? Ich hasse Video. Oh nein, wir spielen hier nicht diese Videokacke, oder?“

Das gesamte Stück ist ein - mal besonnenes, mal hysterisches - Gespräch über Arbeit, Liebe, Kirche und Theater. Dabei erreicht der Austausch zwischen den Protagonisten Momente der Selbstreflexion: „Ich würde meinen Job verlieren, wenn ich kreativ wäre“, diesen Gedanken habe Schauspielerin Astrid Meyerfeldt während der Proben geäußert. Pollesch übernahm ihn in die Handlung. „Ich bin Schauspieler. Ich war noch nie kreativ. Wie auch, der ganze Laden besteht die ganze Zeit daraus, immer das gleiche auszuspucken. Was vorne reingesteckt wird, kommt hinten wieder raus. Da gibt‘s überhaupt keinen Platz für Kreativität.“

150 x Jahres-Vignette 2022 zu gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

Da passt es ins Bild, dass sich Pollesch selbst nicht als Kreativer sieht. „Ich interessiere mich für das Thema Kreativität, würde mich aber nie selbst als Kreativen bezeichnen“, wird der Autor und Regisseur im Programmheft zitiert. Dabei ist der Autor derzeit einer der gefragtesten Theatermacher in Deutschland. Und Kreativität will man seinen Stücken nicht absprechen, in denen man von Szenen des Komischen und Absurden bis hin zu tief philosophischen und komplexen Satzgefügen alles findet - nur kein konventionelles Theater.


Kommentieren